>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E07221 <<< TITLE: BEATRICE AUTHOR: PAUL HEYSE EBOOK: E07221 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Beatrice Paul Heyse (1867) Wir hatten bis in die tiefe Nacht hinein geplaudert, unser drei, bei einigen Flaschen Astiweins, die wir durch einen gluecklichen Zufall aufgetrieben hatten und nun im kuehlen Gartenhaus auf das Wohl des eben aus Italien heimgekehrten Freundes leerten. Er war der aelteste von uns und schon ein fertiger Mann, als wir ihn vor zwoelf Jahren auf einer Reise im Sueden kennenlernten. Auf den ersten Blick hatte uns seine maennliche Gestalt, der Adel seines Wesens und eine gewisse melancholische Anmut seines Laechelns fuer ihn eingenommen. Sein Gespraech, seine ungewoehnliche Bildung und die Bescheidenheit, mit der er sie geltend machte, gewannen uns vollends, und die drei Wochen, die wir miteinander in Rom zubrachten, befestigten eine so warme Freundschaft, wie sie nur je zwischen Ungleichaltrigen bestanden hat. Dann musste er ploetzlich nach Genf, seiner Heimat, zurueck, wo er an der Spitze eines ansehnlichen Handlungshauses stand. Aber in den folgenden Jahren hatten wir keine Gelegenheit versaeumt, uns wiederzusehen, und auch jetzt war ihm der Umweg ueber unsere Stadt nicht zu weit gewesen, um uns wenigstens auf vierundzwanzig Stunden zu begruessen. Wir fanden ihn in seinem Aussehen unveraendert; er war noch immer ein schoener Mann, das Haar kaum mit dem ersten Grau angesprengt, die hohe Stirn glatt und weiss. Aber er schien uns schweigsamer als bei unserem letzten Begegnen, manchmal so in sich versinkend, dass er unsere Fragen ueberhoerte, waehrend er minutenlang unverwandt die Perlen des Weins im Glase aufquellen sah oder ein Stueck Eis langsam am Kerzenlicht zertauen liess. Wir dachten ihn gespraechig zu machen, wenn wir ihn nach seiner letzten Reise ausfragten. Aber als auch dieses Lieblingsthema nicht sonderlich einschlug, liessen wir ihn gewaehren und sprachen unter uns, froh, dass wir ihn wenigstens leiblich bei uns hatten, und ruhig abwartend, wann er auch geistig zu uns zurueckkehren wuerde. Indessen kramte ich allerlei Gedanken aus, die mich seit kurzem lebhaft beschaeftigt hatten und die, unreif und schroff, wie ich sie hinwarf, den Widerspruch unseres Freundes, der ein scharfer Dialektiker war, zu jeder anderen Zeit gereizt haben wuerden. Der Zustand des Theaters in Italien hatte den Anstoss gegeben. Ich behauptete, es sei durchaus nicht wunderbar, dass es die Italiener, so pathetisch und leidenschaftlich sie sich gebaerdeten, nicht zu einer tragischen Literatur gebracht haetten, die sich neben die griechische, englische und deutsche stellen koennte. Im Grunde sei es bei den Spaniern und Franzosen, trotz ihrer hochberuehmten dramatischen Blueteperioden, nicht viel besser damit bestellt. Denn das Temperament der Romanen, ihre Natur wie ihre Kultur, seien nun einmal so streng an das Konventionelle gebunden, dass die eigentlichsten tragischen Probleme, die alle auf der Selbstherrlichkeit des Individuums beruhten, ihnen kaum verstaendlich wuerden; dazu komme noch, dass sie auch in der Form sich nie zu befreien und die ruecksichtslosen Naturlaute anzuschlagen wagten, die allein den tragischen Schauder in uns erregen koennten? Wie jedes aesthetische Gespraech, das nicht bloss an der Schale herumtastet, fuehrte auch dieses bald in die raetselhaften Tiefen der Menschennatur, und waehrend Amadeus scheinbar teilnahmslos mit seinem silbernen Stift Figuren in den verschuetteten Wein zeichnete, nahm Otto lebhaft Partei fuer das, was ich als Konvention zu verdammen schien, er aber als das strengwaltende Sittengesetz auch in der Dichtung obenan stellte. Mein Satz schien ihm gefaehrlich, dass jeder tragische Fall das Naturrecht der Ausnahme gegen das buergerliche Recht der Regel verherrlichen muesse, dass demnach der Begriff einer tragischen Schuld auf das Verbrechen hinauslaufe, einen Daemon im Busen zu haben, der den einzelnen ueber die engen Schranken der Alltagssatzung hinaushoebe und ihn darin bestaerke, mit nichts sich abzufinden, nichts zu dulden, nichts zu verehren, was dem innersten Gefuehl widerstreite. Damit loesest du, sagte er, die ganze Weltordnung, die doch wohl ihre guten Gruende hat, zu Gunsten eines unbegrenzten Individualismus auf und scheinst nur dem wahren Wert fuer die Poesie zuzuerkennen, was sich ausser das Gesetz stellt.--Ich suchte ihn dabei festzuhalten, dass es sich hier nur um die eigentlich tragischen Kollisionsfaelle handle, und dass grosse und starke, mit einem Wort, heroische Seelen den Streit der Pflichten anders zu loesen pflegten als der aengstliche, von kleinen Gewohnheiten und Ruecksichten eingeengte Mittelschlag der Philister. Geniale Naturen, sagt' ich, die auf sich selbst beruhten, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Mass ihrer innern Kraft und Groesse als ein Beispiel vorleuchten lassen, ebensosehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Kuenstler die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter hinausruecken. Und was an Obermass und Uebermut des Selbstgefuehls in jenen heroischen Seelen sich ruehren mag, wird es nicht eben durch den tragischen Untergang gelaeutert und gebuesst? Wenigstens nach der Meinung der Philister, denen das Leben das hoechste Gut ist, die also auch schwerlich von Handlungen und Gesinnungen zu verfuehren sind, auf die nach dem Weltlauf der Tod gesetzt ist. Der Dichter aber und die, die ihn verstehn, wird sich das Recht nicht verkuemmern lassen, sich der hohen Erscheinungen zu erfreuen, fuer welche die ueblichen Zollstoecke der Moral nicht passen wollen. Und wer das unsittlich schilt, was bei unseren traurig mangelhaften buergerlichen Einrichtungen starken und freien Menschen als eine heilige Notwehr uebrig bleibt, fuer den ist Schoenes nie geschaffen worden, und vom Guten kennt er nur das Nuetzliche. Dieses und aehnliches hatt' ich gesagt, als auf einmal Amadeus aus seinem Hinbrueten zu mir aufsah und mir ueber den Tisch hinueber die Hand reichte. Ich danke dir, sagte er; du hast da ein gutes Wort gesprochen, das mir wohltut. Unter uns dreien kann ja auch kein Streit darueber sein, dass die Sitte nicht das Mass der Sittlichkeit ist, und dass die hoechsten Aufgaben der Poesie an den Grenzen der Menschheit liegen. Aber gegen eins muss ich Einsprache erheben: dass du den Mangel eines wahrhaft grossen tragischen Poeten in Italien aus der konventionellen Gebundenheit des Volkscharakters erklaeren willst. Als ob Gemuets- und Geschmacksanlagen, Sittliches und Aesthetisches sich notwendig Hand in Hand entwickelten, nicht oft genug eins das andere ueberholte! Wenn den Italienern das grosse tragische Talent geboren wuerde, das sie in ihrem Alfieri freilich laengst zu besitzen waehnen, --der Genius des Volkes wuerde ihm auf halbem Wege entgegenkommen, und die akademischen Vorurteile des Stils hielten gegen eine echte Naturkraft so wenig stand, wie alle anerzogene konfessionelle Sitte gegen das Recht und die Pflicht eines freigebornen Gemuets. Nein, fuhr er in sichtbarer Erregung fort, und seine Augen schimmerten feucht, das hohle Pathos ihrer Trauerspiele ist nicht der Grundton, auf den die Seele dieser edlen Nation gestimmt ist. Ich wenigstens darf dies nicht anhoeren, ohne Verwahrung einzulegen. Denn wenn es je ein Wesen gab, das in seinem Gefuehl und Handeln auf sich beruhte und seinem Daemon gehorchte, so war es mein Weib, und mein Weib war eine Italienerin. Er schwieg und wir sassen in der wunderbarsten Erregung ihm gegenueber, ebenfalls stumm und atemlos vor Ueberraschung. So gut wir ihn und all seine Verhaeltnisse zu kennen meinten, zum ersten Male hoerten wir heute, dass er verheiratet gewesen sei, mit einer Frau, die er so hoch stellte und die er uns doch verleugnet hatte, wie man eine Verirrung verheimlicht. Nun stand er auf und ging in dem engen, halbdunkeln Raum eine Weile auf und ab, und wir stoerten ihn weder mit Fragen noch mit Blicken. Endlich trat er zwischen uns und sagte mit seiner tiefen, klangvollen Stimme: Ich habe es euch nicht erzaehlt, weil mich die Erinnerung zu sehr uebermannt und manchmal, wenn ich es nur mir selbst so recht gegenwaertig machte, mich ein Fieber befiel, das mich eine Woche lang nicht wieder verliess. Und doch ist es mir wie eine Schuld gegen euch vorgekommen, dass ich auf alle eure Neckereien, warum ich keine Frau genommen, nur immer mit Scherzen antwortete. Ihr koennt glauben, hauptsaechlich um dies endlich zwischen uns ins klare zu bringen, habe ich diesmal, da ich wieder von ihrem Grabe komme, den Heimweg so eingerichtet, dass ich euch treffen musste. Lasst mich also alles heraussagen, wie es mir auf die Zunge kommt. Wir wollen erst noch die Fenster nach dem Garten oeffnen; es ist hier so schwuel, dass man schwer Atem holt. So!--und nun trinkt und raucht, und ich will auf und ab gehen. Ein Vierteljahrhundert ist darueber hingegangen, und doch steht alles wie von gestern neben mir und laesst mich nicht ruhig bleiben. Was er dann berichtete, bis an die Morgendaemmerung--denn auch nachher konnten wir uns nicht so bald trennen--, schrieb ich am folgenden Tage auf, soviel ich konnte mit seinen eigenen Worten. Damals dachte ich nicht, dass es in Wahrheit sein letztes Vermaechtnis sein wuerde. Aber er hatte nicht zu viel gesagt. Die Nacht, in der er es uns erzaehlte, trug ihm ein Fieber ein, das ihn bis nach Hause begleitete. Eine naechtliche Aufregung beim Loeschen eines Hausbrandes trat hinzu. Wenige Wochen, nachdem wir ihn zuletzt gesehen, kam die Nachricht, dass wir ihn verloren hatten. Nun sind mir diese Aufzeichnungen um so wertvoller, und kaum kann ich mich entschliessen, fremde Augen hineinblicken zu lassen. Dann wieder empfinde ich es als eine Pflicht, das wundersame Geschick dieser beiden Menschen nicht im Dunkeln zu lassen. Sollte nicht das, was hohe und edle Menschen erleben, Eigentum der ganzen Menschheit sein? So will ich ihn denn erzaehlen lassen. Ich war eben fuenfundzwanzig Jahre alt geworden, als mein Vater starb; seit ich seinen schmerzlichen Todeskampf mit angesehen, schien ich mir um zehn Jahre aelter. Kurz vorher hatte meine einzige Schwester, die ich sehr liebte, einen jungen Geschaeftsfreund unseres Hauses geheiratet, einen Franzosen, dessen Familie seit lang in Genf angesiedelt war, und der nun seinen Namen unserer Firma hinzufuegte. Wir standen uns so nah wie Brueder, und als er und meine Schwester in mich drangen, einige Monate auf Reisen zu gehen, um meine verstoerten Lebensgeister wieder ins Gleiche zu bringen, liess ich mich hierin wie in allen Dingen gern von ihnen bestimmen, zumal ich wohl fuehlte, dass ich einer Hilfe von aussen sehr beduerftig war. Auch wirkte die Luftveraenderung bald, wie meine Lieben gehofft hatten. Jugend und Lebensmut kehrten mir zurueck; ich hatte wieder offene Augen fuer alle Schoenheiten der Natur, und mein Sinn fuer die Kuenste, der schon auf frueheren Reisen in Deutschland und Frankreich geweckt worden war, fand reiche Nahrung in Mailand und Venedig, wohin ich mich zunaechst wandte, um dann in maessigen Tagesreisen suedlicher zu gehen. Vor allem zog es mich nach Florenz, und die Herrlichkeiten, die ich dort zu finden hoffte, machten mich gegen manches undankbar, was mir auf dem Wege dahin begegnete. So hatt' ich mir auch fuer Bologna nicht mehr als einen einzigen Tag festgesetzt, Kirchen und Galerien hastig durchrannt und mich am Nachmittag in einen Wagen geworfen, um nach dem alten Klosterhuegel San Michele in Bosco hinauszufahren und mit einer Rundschau von da oben herab mein Reisegewissen ueber diese merkwuerdige Stadt zu beruhigen. Es war einer der heissesten Tage jenes Hochsommers, und obwohl ich sonst gegen jede Temperatur ziemlich unempfindlich war, laehmte mich doch heute die Schwuele bis zur Erschoepfung. Die Strasse, die von San Michele nach der Stadt zurueckfuehrt, war voellig oede. Ueber die Mauern der Gaerten ragten die Baeume und Buesche dickverstaubt herueber, <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 125842 TOTAL CHARACTERS) >>>