>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E07118 <<< TITLE: ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL AUTHOR: GOTTHOLD EPHRAIM LESSING EBOOK: E07118 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Abhandlungen ueber die Fabel Gotthold Ephraim Lessing Inhalt: I. Von dem Wesen der Fabel II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel III. Von der Einteilung der Fabeln IV. Von dem Vortrage der Fabeln V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen I. Von dem Wesen der Fabel Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heisst seine Fabel. So heisst die Erdichtung, welche er durch die Epopee, durch das Drama herrschen laesst, die Fabel seiner Epopee, die Fabel seines Drama. Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet. Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gruendet, deren ich in der Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, dass ich sie, auf gut Glueck, bei meinen Lesern voraussetzen duerfte. Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfaellen. Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfaelle meistens erdichtet oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloss an diese oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht. Diese begnuegten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erlaeutert zu haben; wenn jener noch ueber dieses die Aehnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem gegenwaertigen wirklichen Vorfalle fasslich machen und zeigen musste, dass aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiss ergeben werde. Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und (zusammengesetzte) Fabeln. (Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit derselben bloss irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man machte der Loewin den Vorwurf, dass sie nur ein Junges zur Welt braechte. Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Loewen."[1]--Die Wahrheit, welche in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth, leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse. {Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.} (Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird. --"Ich mache, sprach ein hoehnischer Reimer zu dem Dichter, in einem Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht, nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird (zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln, aus (zwei) einzeln Faellen, in welchen beiden ich die Wahrheit ebendesselben Lehrsatzes bestaetiget finde. Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloss auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel schon hat man es ersehen, dass ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald (zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel. ------ Hoc scriptum est tibi, Qui magna cum minaris, extricas nihil. Ein jeder, ohne Unterschied, der grosse und fuerchterliche Anstalten einer Nichtswuerdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor, von allen moeglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm (Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten) Fabel, indem er einen gebaerenden schlechten Poeten zu dem besondern Gegenbilde des kreisenden Berges macht. Ihr Goetter rettet! Menschen flieht! Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen, Und wird itzt, eh man sich's versieht, Mit Sand und Schollen um sich schmeissen etc. -------------- Suffenus schwitzt und laermt und schaeumt: Nichts kann den hohen Eifer zaehmen; Er stampft, er knirscht; warum? er reimt, Und will itzt den Homer beschaemen etc. -------------- Allein gebt acht, was koemmt heraus? Hier ein Sonett, dort eine Maus. Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbuecher der Dichtkunst ein tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen. Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fusstapfen vor mir, die ich zum Teil untersuchen muss, wenn ich ueberall sichere Tritte zu tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten Erklaerungen pruefen, welche meine Vorgaenger von der Fabel gegeben haben. De La Motte Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein grosses poetisches Genie als ein guter, aufgeklaerter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und ueberall ertraeglich zu bleiben hoffen durfte, erklaert die Fabel durch eine unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1]. {Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisee sous l'allegorie d'une action. Discours sur la fable.} Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater und liess ihn fragen, was er weiter tun solle? Der Koenig, als der Bote zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf, schlug den hoechsten Mahnstaengeln die Haeupter ab und sprach zu dem Boten: Geh, und erzaehle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und liess die Vornehmsten der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber ist hier eine Fabel? Kann man sagen, dass Tarquinius seine Meinung dem Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiss nicht! {Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.} Jener Vater, der seinen uneinigen Soehnen die Vorteile der Eintracht an einem Buendel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stueckweise zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3] {Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.} Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Soehnen erzaehlt haette, wie gluecklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Loewen von sich abhielten und wie bald sie des Loewen Raub wurden, als Zwietracht unter sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn haette doch der Vater seinen Soehnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die Sache ist klar. {Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.} Folglich ist es ebenso klar, dass die Fabel nicht bloss eine allegorische Handlung, sondern die Erzaehlung einer solchen Handlung sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklaerung des de La Motte zu erinnern habe. Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte ueberhaupt aus einer guten Erklaerung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal an seiner Stelle stuende? Wenn es nicht wahr waere, dass die Handlung der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es hoechstens unter gewissen Umstaenden nur werden koennte? Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet, sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, dass dieses etwas andere auf etwas anderes Aehnliches einzuschraenken sei, weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein wuerde [6]. Die letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein. {Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.} {Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei. Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis Ironia Allegoria esset.} Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen scheinet, sondern etwas Aehnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn sie allegorisch sein soll, muss das auch nicht sagen, was sie zu sagen scheinet, sondern nur etwas Aehnliches? Wir wollen sehen!--"Der Schwaechere wird gemeiniglich ein Raub des Maechtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer staerker ist als das andere, die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Staerke, untereinander aufreiben koennen. Eine Reihe von Dingen! Wer wird lange und gern den oeden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein deutliches Bild gewaehren? Ich will also auch hier anstatt dieser Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge annehmen. Ich koennte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten oder Koenigen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so bewandert, dass sie, sobald ich meine Staaten oder Koenige nur nennte, sich der Verhaeltnisse, in welchen sie gegeneinander an Groesse und Macht gestanden, erinnern koennten? Ich wuerde meinen Satz nur wenigen fasslicher gemacht haben, und ich moechte ihn gern allen so fasslich als moeglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht eine Reihe von Tieren waehlen duerfen, besonders wenn es allgemein bekannte Tiere waeren? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir duerfen sie nur nennen hoeren, um sogleich zu wissen, welches das staerkere oder das schwaechere ist. Nunmehr heisst mein Satz: der Marder frisst den Auerhahn, der Fuchs den <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 137684 TOTAL CHARACTERS) >>>