>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06417 <<< TITLE: ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG AUTHOR: OSCAR MARIA GRAF EBOOK: E06417 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG--ACHT ERZAEHLUNGEN von OSCAR MARIA GRAF INHALT Zwoelf Jahre Zuchthaus. Sinnlose Begebenheit. Die Lunge. Ohne Bleibe. Etappe. Michael Juergert. Ein dummer Mensch. Ablauf. ZWOELF JAHRE ZUCHTHAUS I. Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe zwanzigjaehrigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs devote Puenktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht, aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange, bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der Grenze des Missmuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht gerade kraeftig, etwas vornuebergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein unfoermiger, zu grosser Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren sass. Das lederne, scharfe Gesicht machte einen ueberreizten Eindruck. Die tiefliegenden, unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen Aederchen durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe, unregelmaessige Nase wie ein spitzer Huegel. Griesgraemig griff die massige, verfaltete Stirne von einer Schlaefenbucht zur andern. Das Merkwuerdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so Hilfloses und Schuechternes, dass man den Eindruck des Maedchenhaften nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geoeffnete kleine, aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zaehne gezeigt haette. Kam noch hinzu ein ungewoehnlich kurzes, fast in den Hals gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn, aus dem ein sproeder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst haette man buchstaeblich der Meinung sein koennen, nach dem Hals ginge der Mund an. Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt genau ableben, haetten ein sorgfaeltig gepflegtes Erinnerungsvermoegen und vergaessen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Schliesslich, dass man irgendwie zur Welt kommt, aufwaechst und allmaehlich auf einen Namen hoert, dann, in der Schule, noch auf einen zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; dass es einem schlecht oder besser geht, dass man auf einem Gottesacker unter anderen Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester fallen hoert und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch auf die eine oder andere Weise. Ein schepperndes Weckerlaeuten. Es ist noch tiefste Nacht draussen, die Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hoert auf den weiten, ueberschneiten Strassen nur seine eigenen Schritte knirschen. Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Strassenbahn, dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, aergerliches Pfoertnergesicht, ueher einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand, --herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskoloss surrt bebend auf, die Riemen klatschen, aechzen, es haemmert, feilt, quietscht, kracht, klingt, braust--das wusste Peter Windel seit ewiger Zeit. Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Kuehle und Daemmerung und etliche schuechterne Vogeltriller beim Erwachen. Das meiste der zwanzig Jahre--: Naechte ueber technischen Buechern, Sonntagnachmittage ueber dem Zeichenblock und manchmal ein Zaehlen des ersparten Geldes. Oefters als wuenschenswert Streitigkeiten, Zaenkereien mit der halbtauben, beschraenkten Logisfrau koennen noch hinzugezaehlt werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte nur Interessen. Wenn nicht-- Und hier beginnt diese Geschichte. II. "Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate keine Bettwaesche gewechselt! Wenn das nicht aufhoert, ziehe ich!" schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an. Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverstaendliche Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unertraeglicher. Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den Hof. Windel riss die Schranktuere auf, nahm seinen Regenmantel, schob die Frau beiseite und ging. Vierzig Mark fuer ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnueffelte nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Kueche und lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man musste sie dann grob anschreien.-- Auf der Treppe fiel Peter ein, dass er "Die Elektrizitaet als Nutzkraft" vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurueck. Immer noch stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte. Einen Augenblick mass sie Peter veraergert. Dann stampfte er mit dem Fuss auf den Boden. "Herrgott nochmal!" stiess er heraus, warf seinen Mantel hin, riss die Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf die ganze Waesche der Frau vor die Fuesse, samt dem schmutzigen Handtuch. "Gehn Sie doch in die Kueche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir die Bettwaesche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch, nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmiss wuetend die Tuere zu. "Meine Lies' ... heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch. Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.-- Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine ziemlich grosse Wunde auf der Stirn--reglos, steif. Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote musste sich in den hingeworfenen Bettuechern mit den Fuessen verwickelt haben und dann hingefallen sein. Peter Windel stand und stand. Er fuehlte das Brennen des angesteckten Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war, zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und liess es wieder verglimmen. Stand und stand. Ploetzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, liess die Tueren offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt zurueckkam, waren schon Leute aus den Tueren gekommen und musterten ihn, trippelten nach und blieben an der Eingangstuere stehen mit gereckten Haelsen, brummten, lispelten. Der eine der Schutzleute schloss endlich die Tuere. Man machte Licht in Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder drei schwarzen, verkohlten Streichholzkoepfe auf ein Papier und sagte zu Windel, der saeulenstarr dastand: "Setzen Sie sich." Der Arzt beugte sich ueher die Tote, ein Schutzmann pruefte die Waschtischkante. Der Arzt nickte. "Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger. Peter brach endlich in einen Stuhl. Die drei lispelten in der Ecke. Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben die Tote. Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite stehen. "Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und notierte. Fragte weiter, mit einer gewissen haemischen Herausforderung: "Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?" "Nein." "Wie lange wohnen Sie hier?" "Und haben schon oefters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?" "Ja," sagte Peter. "Und diesmal?" "Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwaesche mehr gab." "Sie waren also grob zu ihr?" "Ja." Und noch, was er Gehalt haette, was er bezahlen muesse fuer Logis, ob die Hullinger vielleicht eine groessere Hinterlassenschaft in bar irgendwo aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt waere, in welchen Verhaeltnissen <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 198140 TOTAL CHARACTERS) >>>