>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06404 <<< TITLE: WALDWINKEL AUTHOR: THEODOR STORM EBOOK: E06404 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN WALDWINKEL von THEODOR STORM Novelle (1874) Ueber dem Dache des Rathauses, das zugleich die Wohnung des staedtischen Buergermeisters bildete, kreuzten die ersten Schwalben in der Fruehjahrssonne; auf der Vorstrasse standen die "Buergermeistersbuben" und suchten vergebens die Koenigin der Luft mit den Lehmkugeln ihres Pustrohrs zu erreichen. Drinnen aber in seinem Geschaefts- und Arbeitszimmer sass der Gestrenge selbst, der ausser dem genannten Amte auch das eines Gerichtsdieners und Polizeimeisters in seiner Person vereinigte, vertieft in ein dickes Aktenfaszikel, nicht achtend des heiteren Glanzes, der durch die Fenster zu ihm hereinstroemte. Da wurde draussen fluechtig an die Tuer gepocht, und auf das verdrossene "Herein!" des Beamten trat ein brauner stattlicher Mann ueber die Schwelle, der indes die erste Haelfte der Vierziger schon erreicht haben mochte. Der Buergermeister erhob das rote behagliche Gesicht aus seinen Akten, warf einen fluechtigen Blick auf den Eintretenden und sagte, als er die feinere Kleidung desselben bemerkt hatte, mit einer runden Handbewegung: "Wollen Sie gefaelligst Platz nehmen; ich werde gleich zu Ihren Diensten sein." Dann steckte er den Kopf wieder in die Akten. Der andere aber war einen Schritt naeher getreten. "Bist du jetzt immer so fleissig, Fritz?" sagte er. "Du littest ehemals nicht an dieser Krankheit." Der Buergermeister fuhr empor, hakte die Brille von der Nase und starrte den Sprecher aus seinen kleinen gutmuetigen Augen an. "Richard, du bist es!" rief er. "Mein Gott, wie gut du mich noch kennst! Und doch, mein Scheitel ist kahl und der Rest des Haares grau geworden! Ja, ja, ein solches Buergermeisteramt!" Die kleine beleibte Gestalt war hinter dem Aktentisch hervorgekommen. Voll Erstaunen blickte er in das Antlitz des ihn fast um Kopfeshoehe ueberragenden Freundes. "Das", sagte er und taetschelte mit seiner kurzen Hand ueber das noch glaenzend braune Haar desselben, "das ist natuerlich nur Peruecke; aber die Augen, diese unnatuerlich jungen Augen, das sind doch wohl noch die echten alten aus unseren lustigen Tagen!" Der Gast liess laechelnd diesen Strom des Geplauders ueber sich ergehen, waehrend der Buergermeister ihn neben sich aufs Sofa niederzog. "Und nun", fuhr der letztere fort, "wo kommst du her, was bist du, was treibst du?" "Ich, Fritz?" erwiderte scherzend der andere, "ich suche einen Inhalt fuer das noch immer leere Gefaess meines Lebens; oder vielmehr", fuegte er etwas ernster hinzu, "ich suche ihn nicht, ich leide nur ein wenig an dieser Leere." Der Buergermeister sah ihm treuherzig in die Augen. "Du, Richard?" sagte er, "der auf der Universitaet alle Fakultaeten abgeweidet hat! Will doch ein alter Kamerad unter einem gewissen Anonymus sogar deine Feder in einer botanischen Zeitschrift entdeckt haben!" "Wirklich, Fritz?--Er hat nicht fehlgesehen." Der kleine dicke Mann besann sich. "Du bist noch ledig?" fragte er. "Ja? Noch immer? Hm! Du warst ein Schwaermer, Richard! Weisst du noch, als wir Studenten auf der Dornburg tanzten? Du hattest derzeit die Braut zu Hause; du wolltest nicht tanzen; du sassest in der Ecke bei dem langen Wassermann, der wegen seiner grossen Stiefel nicht tanzen konnte, und trankst nur Wein, sehr viel Wein, Richard! Du wolltest die seligen Taenze nicht entweihen, die du daheim mit ihr getanzt hattest!" Der andere war ein wenig still geworden, waehrend der Buergermeister in ploetzlicher Unruhe seine goldene Uhr aus dem Abgrund seiner Tasche zog. "Sag mir, Liebster", begann er wieder, du schenkst mir doch den heutigen Tag?" "Ich muss am Nachmittag noch weiter." "Immer noch der alte Meister Unruh?" "Verzeih, die Extrapost ist schon bestellt! Ihr habt hier einige Meilen noerdlich zwischen Heidesumpf und Wald noch eine wenig abgesuchte Flora!" "Aha!" rief der Buergermeister, "bei Foehrenschwarzeck, wo die verrueckten Junker wohnen, die weder einen Baum faellen noch ein Stueck Heide aufbrechen wollen!" Der Gast nickte. "So sagte man mir. Es soll dort in heimlichen Gruenden noch allerlei sonst Verschwundenes zu finden sein." "Nun, Richard, da koenntest du dich ja im Narrenkasten einquartieren!" "Im Narrenkasten?" "Freilich! Der Vater der jetzigen Herren hatte noch seine Spezialtollheit! Da ihm sein Schloss zu gross wurde, so baute er sich hinaus zwischen Heide und Wald; ein Haeuslein, alle Fenster nach einer Seite und drum herum eine Ringmauer, zwanzig Fuss hoch! Und das Kastellchen nannte er den "Waldwinkel" die Leute aber nennen's noch heut den "Narrenkasten". Dort hat er mitten zwischen all dem Unkraut seine letzten Jahre abgelebt." Der andere hatte aufmerksam zugehoert. "Wer wohnt denn jetzt darin?" fragte er. "Jetzt? ich denke, niemand; oder doch nur Eulen und Iltisse."--Im Nebenzimmer schlug eine Uhr. Der Buergermeister war aufgesprungen. "Schon elf!" sagte er. "Weisst du, Alter! Ich habe noch einen gerichtlichen Aktus vor mir; du warst ja in der Verbindung unser Schriftwart", und schmunzelnd fuhr er fort: "da du so eilig bist, wir wuerden noch ein Plauderstuendchen mehr gewinnen, wenn du heute dieses Amt noch einmal im Dienste unserer hochnotpeinlichen Gerichtsbarkeit verrichten wolltest!" Richard lachte. "Hast du denn keinen Protokollfuehrer?" "Nein, Liebster; da ich die Wuerde und das Salarium eines Stadtsekretarius ebenfalls in meiner Person vereinige, so muss ich auch die Lasten dieses Amtes tragen, wenn nicht der Zufall einen so faehigen und gefaelligen Freund mir in das Haus bringt."--Einige Minuten spaeter sassen beide am gruenen Tisch in dem nebenan liegenden Gerichtszimmer. "Du wirst dich vielleicht noch des gelbhaarigen Theologen erinnern", sagte der Buergermeister, waehrend er sich mit behaglicher Wuerde in dem etwas erhoehten Praesidentensessel niederliess, "den wir seinerzeit wohl nicht mit Unrecht den Denunzianten nannten! Wir haben ihn seit Jahren hier am Ort; der Herr Magister betreibt ein eintraegliches Pensionat und steht bei Adel und Honoratioren in hohem Ansehen; man wollte ihn eben auch noch mit dem Gottesdienst an unserem Landeszuchthaus hier betrauen." "Was ist mit ihm?" fragte der improvisierte Aktuarius, der schon seine Feder geschnitzt und den gebrochenen Bogen vor sich hingelegt hatte. "Ich entsinne mich eigentlich nur seines abgetragenen Frackes und seiner grossen roten Haende." "Du wirst ihn gleich erscheinen sehen", sagte der Buergermeister, mit der einen Hand den ueber dem gruenen Tisch haengenden Glockenstrang erfassend; "er hatte die Vormundschaft ueber ein elternloses Maedchen; sie ist jahrelang in seinem Hause gewesen, und er hat sie teilweise mit durch seine Schule laufen lassen. Jetzt ist er eines versuchten Verbrechens gegen dieses Maedchen auf das klaeglichste verdaechtig; es handelt sich heut nur noch um eine Gegenueberstellung beider." Der Buergermeister zog die Klingel, und der eintretende Gefangenwaerter erhielt Befehl, den Magister vorzufuehren. Es war eine widerwaertige Erscheinung, die sich jetzt, an dem an der Tuer zurueckbleibenden Gefaengniswaerter vorbei, mit einem geschmeidigen Bueckling in das Zimmer hineinwand. "Sie brauchen nicht zu weit vorzutreten!" sagte der Buergermeister, und der Magister zuckte sogleich um einige Fussbreit wieder rueckwaerts; gleich darauf erhob er seinen platten Kopf mit dem wie angeklebten Gelbhaar gegen die Zimmerdecke und begann sich zu den schwersten Eiden fuer seine Unschuld zu erbieten. Ohne darauf zu achten, zog der Buergermeister aufs neue die Glocke, und "Franziska Fedders" trat herein. Es war die schmaechtige Gestalt eines eben aufgebluehten Maedchens; sie war nicht grade huebsch zu nennen; den Kopf mit den aufgesteckten dunkelblonden Flechten trug sie etwas vorgebeugt, der Mund war vielleicht zu voll, die Nase ein wenig zu scharf gerissen; und als sie jetzt ihre tiefliegenden grauen Augen aufschlug, murmelte der Aktuarius unwillkuerlich vor sich hin: "Scientes bonum et malum." Mit abgewandtem Kopf und mit Glut uebergossen, aber mit unverrueckter Sicherheit wiederholte sie jetzt die Hauptangaben ihrer frueheren Aussagen gegen ihren einstigen Vormund, waehrend dieser seine knochigen Haende rang und seufzende Beteuerungen ausstiess. Als sie geendet hatte, begann der Magister erst andeutungsweise, dann immer deutlicher, sie eines Verhaeltnisses mit seinem Gehuelfen zu beschuldigen; sie seien verschworen, ihn zu stuerzen, um dann selbst das eintraegliche Pensionat zu uebernehmen. Mit offenem Munde und vorgestrecktem Halse horchte das Maedchen diesen Beschuldigungen. Richard, der die Feder hingelegt hatte, glaubte zu sehen, wie von der Glut des Hasses ihre Augen dunkler wurden. Ploetzlich warf sie den Kopf empor. "Sie luegen, Sie!" rief sie, und wie eine scharfe Schneide fuhr es aus dieser jungen Stimme. Aber wie ueber sich selbst erschrocken, flogen ihre Blicke unstet und huelfesuchend umher, bis sie in den ernsten Maenneraugen haftenblieben, die so ruhig zu ihr hinueberblickten. Der Magister hatte beide Arme zum Himmel aufgereckt. "Sie! Du nennst mich Sie, Franziska! Du, die ich dich in der Liebe des Lammes--" Er brach in sentimentale Traenen aus; er hatte etwas vom winselnden Affen an sich. "Ich nenne Sie gar nicht mehr!" sagte Franziska ruhig, und ihre Augensterne ruhten noch immer in denen des ihr fremden Mannes, als habe sie hier einen Halt gefunden, den sie nicht mehr zu verlassen wage.--Ueber dessen Seele fuhr es wie ein Traum: das stille Haus am Waldesrand tauchte vor seinem innern Auge auf; ein einsamer Mann und ein verlassenes Maedchen wohnten dort. Sie waren nicht mehr einsam und verlassen; aber um sie her in der lauen Sommerluft war nur der schwimmende Duft der Kraeuter, das Rufen der Voegel und fernab aus der stillen Lichtung der unablaessige Gesang der Grillen.-Der Klang der Botenglocke schrillte durch das Zimmer. Als Richard aufblickte, sah er eben das Maedchen aus der Tuer verschwinden, der Magister wurde vom Gefaengniswaerter abgefuehrt.--"Ein gescheutes Rackerchen, diese Franziska", sagte der Buergermeister, indem er das sauber abgefasste Protokoll durch seine Namensunterschrift vollzog. "Schade, dass sie nichts in bonis hat; wir wissen nicht recht, wohin mit ihr; fuer den gewoehnlichen Maegdedienst hat sie zuviel, fuer eine hoehere Stellung zuwenig gelernt." Sein Gast war im Zimmer auf und ab gegangen. "Freilich, ein anziehendes <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 111678 TOTAL CHARACTERS) >>>