>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06371 <<< TITLE: WAS DIE GROSSMUTTER GELEHRT HAT AUTHOR: JOHANNA SPYRI EBOOK: E06371 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Was die Grossmutter gelehrt hat Erzaehlung Johanna Spyri 1. Kapitel Der Kummer der alten Waschkaethe Die alte Waschkaethe sass in ihrem Stuebchen im einsamen Berghuettchen und schaute nachdenklich auf ihre gekruemmten Haende, die sie vor sich auf die Knie gelegt hatte. Bis der letzte Abendschein hinter den fernen Waldhoehen verglommen war, hatte sie fleissig an ihrem Spinnrad gearbeitet. Jetzt hatte sie es ein wenig beiseite gerueckt, die Haende mussten muede sein, die so gekruemmt und abgearbeitet aussahen. Die Alte seufzte auf und sagte vor sich hin: "Ja, wenn ich noch koennte wie frueher!" Sie meinte wohl arbeiten, denn das hatte sie tapfer ihr Leben lang getan. Nun war sie alt geworden, und die frueher so ruestige und unermuedliche Waschfrau konnte gar nichts mehr tun, als ein wenig spinnen, und das trug sehr wenig ein. Dennoch hatte sie sich schon seit ein paar Jahren auf diese Weise durchgebracht und noch dazu ihr Enkelkind erhalten, das bei ihr lebte und noch nicht viel verdienen konnte. Es hatte zwar auch seine kleinen Einnahmen, denn es war ein flinkes und geschicktes Kind. Heute erfuellte die Grossmutter aber noch ein besonderer Kummer, der ihr schon seit dem fruehen Morgen das Herz schwer gemacht hatte. Ihr Enkelkind, das froehliche Trini, das sie von klein auf erzogen hatte, war zwoelf Jahre alt geworden. Es sollte im Fruehling aus der Schule entlassen werden und dann in einen Dienst gehen. Heute frueh nun war der ferne Vetter unten aus dem Reusstal heraufgekommen und hatte der alten Kusine den Vorschlag gemacht, das Kind ihm anzuvertrauen. Er hatte zwar selbst nicht viel und konnte nichts geben, aber es war dort unten ein guter Verdienst zu finden. Denn die neue Fabrik, die an der wasserreichen Reuss erbaut worden war, brauchte viele Arbeitskraefte. Dort konnte das Trini die Woche ueber ein schoenes Stueck Geld verdienen, und daneben konnte es die noetige Arbeit in seinem Haus verrichten, dafuer wollte er es beherbergen. Da seine Frau kraenklich war und sie keine Magd anstellen konnten, so war ihnen das Kind erwuenscht, denn sie wussten, dass es gross und kraeftig und sehr geschickt war. Die Grossmutter halte schweigend zugehoert, aber in ihrem Herzen hatten die Worte einen grossen Kampf entfacht. Der Vetter wuenschte auch, dass das Kind schon im Herbst herunterkomme, das halbe Schuljahr koenne schon abgekuerzt werden, es wisse genug und koenne dann gleich etwas verdienen. Ausserdem haette seine Frau es im Winter besonders noetig. Die Grossmutter hatte noch immer nichts gesagt. Jetzt, als der Vetter draengte und gleich das Jawort haben wollte, sagte sie, er muesse ihr ein wenig Zeit lassen. Vor dem Herbst wollte sie sich noch nicht entscheiden. Sie sehe den Vorteil des Kindes wohl ein, aber sie muesse sich das alles erst noch ueberlegen und dann auch mit dem Kinde reden. Der Vetter war nicht recht zufrieden, er haette gern gleich alles festgemacht und den Tag bestimmt, wann das Trini herunterkommen sollte. Er meinte, mit dem Kind sei doch nichts zu reden, das besitze noch keine Vernunft und kenne seinen eigenen Vorteil nicht. Aber die Grossmutter blieb standhaft. Im Herbst moege er noch einmal kommen, dann solle er bestimmt eine Antwort haben. Wenn sie dann einverstanden sei, so koenne er dann das Kind gleich selbst mitnehmen, fuer den Augenblick koenne sie nichts weiter sagen. Dabei blieb sie. Der Vetter sah, dass da nichts zu machen war. Er ermahnte nochmals die alte Kusine, des Kindes Vorteil nicht ausser acht zu lassen. Es sei ja doch auch ihr eigener Vorteil, wenn das Kind etwas einnehme und sie nachher auch unterstuetzen koenne. Dann ging er. Schon den ganzen Tag waehrend der Arbeit dachte die Grossmutter nach ueber die Worte des Vetters, aber sie konnte keinen Entschluss fassen. Jetzt in der Daemmerung ueberlegte sie in Ruhe, und sie musste ein paarmal tief aufseufzen dabei. Der Vetter hatte recht, es war ein grosser Vorteil fuer das Kind, dass es in seinem Haus wohnen konnte, um von da aus in der Fabrik einen sicheren Verdienst zu finden. Sie selbst wusste keinen vorteilhafteren Weg fuer das Kind, sie wusste eigentlich gar keinen. Rings herum waren nur kleine Gueter, die die Leute alle selbst bebauten und die an der Hilfe ihrer eigenen Kinder genug hatten. Wer eine Magd anstellte, wie es unten im Pfarrhaus oder im Amtshaus oder in dem neuen Wirtshaus die Frauen taten, da mussten es aeltere Maedchen sein. Es waren kraeftige, erwachsene Personen, die in Kueche und Garten zu arbeiten wussten. Auch die Goldaepfelbaeuerin auf dem grossen, obstreichen Hof hatte immer eine Magd, aber auch eine grosse, starke, die ihr in allem helfen konnte. Trotzdem konnte auch die nie lange bei der Baeuerin bleiben. Wenn ihr also nicht einmal eine erwachsene Person die Arbeit recht machen konnte, was waere dann ein Kind wie das Trini fuer sie. Dass das Kind aber im Fruehjahr, wenn es nun aus der Schule entlassen wurde, eine Arbeit suchen musste, das sah die Grossmutter wohl ein. Seit sie nicht mehr wie frueher als Waescherin auf die Arbeit gehen konnte, sondern nur muehsam mit ihren gekruemmten Fingern am Spinnrad arbeitete, war sie kaum in der Lage, sich und das Kind zu erhalten. Und mit jedem Tage konnte es schwerer fuer sie werden. Und doch, sich von dem Kind trennen zu muessen, das kam der Grossmutter als das Allerschwerste vor, das sie erleben konnte. Wuerde die neue Aufgabe fuer das junge Kind nicht zu schwer sein? Die Alte wusste wohl, wie es bei dem Vetter war. Er selbst hatte eine rohe und unfreundliche Art und war meistens unwirsch. Seine Frau war immer krank und daher auch nicht gut gelaunt. Sie sass meistens freudlos und wie abgestumpft in ihrer Ofenecke und sagte kein Wort. Nun war es so schlimm mit ihr geworden, dass der Mann daran denken musste, eine Hilfe ins Haus zu holen. Da haette dann das Kind die Geschaefte im Haus alle allein zu besorgen und konnte dann erst zur Arbeit in die Fabrik gehen. War nun fuer all die Arbeit das Kind nicht noch zu jung? Und wurde es ihm nicht zu schwer fallen, von der Grossmutter weg, die es so lieb hatte, in ein ganz fremdes Haus zu gehen. Wuerde sie es ertragen, nie ein Wort der Liebe und des Trostes zu hoeren? Daran war ihr liebes Trineli nicht gewohnt. Der Grossmutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch ruestige Haende und gute Kraefte, und wenn sie auch von frueh bis spaet taetig sein musste, sie tat es gern. Die Waschkaethe hatte drei Kinder gehabt, zwei Soehne und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben, als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da musste die Kaethe viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann ringsum rief sie zur Hilfe bei der grossen Waesche. Denn man wusste, keine arbeitete so gut wie die Kaethe, die wegen dieser Taetigkeit ueberall nur die Waschkaethe hiess. Als ihre Soehne gross waren, bekamen sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika. Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht viel mehr als ein Jahr spaeter starb sie ploetzlich noch ganz jung. Das betruebte ihren Mann so sehr, dass er es daheim nicht mehr aushalten konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Grossmutter hinauf und sagte: "Da, Mutter, nimm du das Kind, ich weiss nichts damit anzufangen. Ich muss fort, es haelt mich nichts mehr hier." Dann ging er zu den Schwaegern nach Amerika. Von dem Tag an hatte die Waschkaethe eine neue Sorge, aber auch eine neue, grosse Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli entwickelte sich schnell und lohnte der guten Grossmutter ihre Muehe und Arbeit mit einer ungewoehnlichen Liebe und Anhaenglichkeit. Sie hatten viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit jedem Jahre wurde es der Grossmutter lieber und unentbehrlicher. Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Daemmerung vor der alten Waschkaethe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht fuer alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer. Aber sie kannte einen Troester, der ihr schon in vielen trueben Stunden geholfen und auch manches gefuerchtete Leid gemildert hatte. Den wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken hin- und herzuwaelzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache dem lieben Gott uebergeben. Musste es sein und musste sie dieses Leid der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schuetzende Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und sein Wohl ging ihr noch ueber das eigene. Als die Grossmutter dies alles ueberlegt hatte, faltete sie still die Haende und sagte andaechtig vor sich hin: "Drum, meine Seele, sei du still Zu Gott, wie sich's gebuehret, Wenn er dich so, wie er es will, Und nicht wie du willst fuehret. Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf, Tust du den Mund mit Freuden auf, Zu loben und zu danken." 2. Kapitel In den Erdbeeren Waehrend die alte Kaethe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und dann in der Daemmerung sass, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu. Hier wuchs jedes Jahr eine Fuelle der schoensten, saftigsten Erdbeeren. Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein grosser, dunkelroter Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne gluehte. Der Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten Haeusern bestehende Bergdoerfchen hiess, wohlbekannt. Sie wussten auch recht gut, dass, wenn man die Beeren ausreifen liess, ein schoener Gewinn damit zu erzielen war. Denn diese ungewoehnlich grossen, saftigen Beeren wurden ueberall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht aufeinander, dass nicht etwa die einen zu frueh die Beeren holten, bevor sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schoenen Junitag unter den Schulkindern der Ruf: "Sie sind reif am Sonnenrain! Sie sind reif!", dann stuerzte noch an demselben Abend die ganze Schar hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem Platz sein und die schoensten und reifsten Beeren finden. Die mitgebrachten, Koerbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form, aber verschiedene Groessen. Sie hatten die Form von Zylinderhueten, mit dem Unterschied, dass bei diesen die Oeffnung unten ist, wo der Kopf hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren hineingeworfen werden. Wenn dann die Daemmerung gekommen war und man die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann deckte man die Kratten mit grossen Blaettern zu und befestigte zwei hoelzerne Staebchen kreuzweise darueber, damit der Wind die Blaetter nicht entfuehre. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Froehlichkeit zog die ganze Schar heimwaerts. Alle sangen aus vollen Kehlen: Erdbeeren rollen, Die Kratten all, die vollen, Erdbeeren mit Stielen, Jetzt traegt man sie heim die vielen, Erdbeeren an Aesten, <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 53166 TOTAL CHARACTERS) >>>