>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06350 <<< TITLE: VIOLA TRICOLOR AUTHOR: THEODOR STORM EBOOK: E06350 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN VIOLA TRICOLOR von THEODOR STORM Novelle (1873) Es war sehr still in dem grossen Hause; aber selbst auf dem Flur spuerte man den Duft von frischen Blumenstraeussen. Aus einer Fluegeltuer, der breiten, in das Oberhaus hinauffuehrenden Treppe gegenueber, trat eine alte, sauber gekleidete Dienerin. Mit einer feierlichen Selbstzufriedenheit drueckte sie hinter sich die Tuer ins Schloss und liess dann ihre grauen Augen an den Waenden entlangstreifen, als wolle sie auch hier jedes Staeubchen noch einer letzten Musterung unterziehen; aber sie nickte beifaellig und warf dann einen Blick auf die alte englische Hausuhr, deren Glockenspiel eben zum zweitenmal seinen Satz abgespielt hatte. "Schon halb!" murmelte die Alte, "und um acht, so schrieb der Herr Professor, wollten die Herrschaften da sein!" Hierauf griff sie in ihrer Tasche nach einem grossen Schluesselbund und verschwand dann in den hinteren Raeumen des Hauses.--Und wieder wurde es still; nur der Perpendikelschlag der Uhr toente durch den geraeumigen Flur und in das Treppenhaus hinauf; durch das Fenster ueber der Haustuer fiel noch ein Strahl der Abendsonne und blinkte auf den drei vergoldeten Knoepfen, welche das Uhrgehaeuse kroenten. Dann kamen von oben herab kleine leichte Schritte, und ein etwa zehnjaehriges Maedchen erschien auf dem Treppenabsatz. Auch sie war frisch und festlich angetan; das rot und weiss gestreifte Kleid stand ihr gut zu dem braeunlichen Gesichtchen und den glaenzend schwarzen Haarflechten. Sie legte den Arm auf das Gelaender und das Koepfchen auf den Arm und liess sich so langsam hinabgleiten, waehrend ihre dunkeln Augen traeumerisch auf die gegenueberliegende Zimmertuer gerichtet waren. Einen Augenblick stand sie horchend auf dem Flur; dann drueckte sie leise die Tuer des Zimmers auf und schluepfte durch die schweren Vorhaenge hinein. --Es war schon daemmerig hier, denn die beiden Fenster des tiefen Raumes gingen auf eine von hohen Haeusern eingeengte Strasse; nur seitwaerts ueber dem Sofa leuchtete wie Silber ein venezianischer Spiegel auf der dunkelgruenen Sammettapete. In dieser Einsamkeit schien er nur dazu bestimmt, das Bild eines frischen Rosenstrausses zurueckzugeben, der in einer Marmorvase auf dem Sofatische stand. Bald aber erschien in seinem Rahmen auch das dunkle Kinderkoepfchen. Auf den Zehen war die Kleine ueber den weichen Fussteppich herangeschlichen; und schon griffen die schlanken Finger hastig zwischen die Stengel der Blumen, waehrend ihre Augen nach der Tuer zurueckflogen. Endlich war es ihr gelungen, eine halberschlossene Moosrose aus dem Strausse zu loesen; aber sie hatte bei ihrer Arbeit der Dornen nicht geachtet, und ein roter Blutstropfen rieselte ueber ihren Arm. Rasch--denn er waere fast in das Muster der kostbaren Tischdecke gefallen--sog sie ihn mit ihren Lippen auf; dann, leise, wie sie gekommen, die geraubte Rose in der Hand, schluepfte sie wieder durch die Tuervorhaenge auf den Flur hinaus. Nachdem sie auch hier noch einmal gehorcht hatte, flog sie die Treppe wieder hinauf, die sie zuvor herabgekommen war, und droben weiter einen Korridor entlang, bis an die letzte Tuer desselben. Einen Blick noch warf sie durch eines der Fenster, vor dem im Abendschein die Schwalben kreuzten; dann drueckte sie die Klinke auf. Es war das Studierzimmer ihres Vaters, das sie sonst in seiner Abwesenheit nicht zu betreten pflegte; nun war sie ganz allein zwischen den hohen Repositorien, die mit ihren unzaehligen Buechern so ehrfurchtgebietend umherstanden. Als sie zoegernd die Tuer hinter sich zugedrueckt hatte, wurde unter einem zur Linken von derselben befindlichen Fenster der maechtige Anschlag eines Hundes laut. Ein Laecheln flog ueber die ernsten Zuege des Kindes; sie ging rasch an das Fenster und blickte hinaus. Drunten breitete sich der grosse Garten des Hauses in weiten Rasen- und Gebueschpartien aus; aber ihr vierbeiniger Freund schien schon andere Wege eingeschlagen zu haben; sosehr sie spaehte, nichts war zu entdecken. Und wie Schatten fiel es allmaehlich wieder ueber das Gesicht des Kindes; sie war ja zu was anderem hergekommen; was ging sie jetzt der Nero an! Nach Westen hinaus, der Tuer, durch welche sie eingetreten, gegenueber, hatte das Zimmer noch ein zweites Fenster. An der Wand daneben, so dass das Licht dem daran Sitzenden zur Hand fiel, befand sich ein grosser Schreibtisch mit dem ganzen Apparat eines gelehrten Altertumsforschers; Bronzen und Terrakotten aus Rom und Griechenland, kleine Modelle antiker Tempel und Haeuser und andere dem Schutt der Vergangenheit entstiegene Dinge, fuellten fast den ganzen Aufsatz desselben. Darueber aber, wie aus blauen Fruehlingslueften heraustretend, hing das lebensgrosse Brustbild einer jungen Frau; gleich einer Krone der Jugend lagen die goldblonden Flechten ueber der klaren Stirn.--"Holdselig", dies veraltete Wort hatten ihre Freunde fuer sie wieder hervorgesucht--einst, da sie noch an der Schwelle dieses Hauses mit ihrem Laecheln die Eintretenden begruesste.--Und so blickte sie noch jetzt im Bilde mit ihren blauen Kinderaugen von der Wand herab; nur um den Mund spielte ein leichter Zug von Wehmut, den man im Leben nicht an ihr gesehen hatte. Der Maler war auch derzeit wohl darum gescholten worden; spaeter, da sie gestorben, schien es allen recht zu sein. Das kleine schwarzhaarige Maedchen kam mit leisen Schritten naeher; mit leidenschaftlicher Innigkeit hingen ihre Augen an dem schoenen Bildnis. "Mutter, meine Mutter!" sprach sie fluesternd; doch so, als wolle mit den Worten sie sich zu ihr draengen. Das schoene Antlitz schaute, wie zuvor, leblos von der Wand herab; sie aber kletterte, behend wie eine Katze, ueber den davor stehenden Sessel auf den Schreibtisch und stand jetzt mit trotzig aufgeworfenen Lippen vor dem Bilde, waehrend ihre zitternden Haende die geraubte Rose hinter der unteren Leiste des Goldrahmens zu befestigen suchten. Als ihr das gelungen war, stieg sie rasch wieder zurueck und wischte mit ihrem Schnupftuch sorgsam die Spuren ihrer Fuesschen von der Tischplatte. Aber es war, als koenne sie jetzt aus dem Zimmer, das sie zuvor so scheu betreten hatte, nicht wieder fortfinden; nachdem sie schon einige Schritte nach der Tuer getan hatte, kehrte sie wieder um; das westliche Fenster neben dem Schreibtische schien diese Anziehungskraft auf sie zu ueben. Auch hier lag unten ein Garten, oder richtiger: eine Gartenwildnis. Der Raum war freilich klein; denn wo das wuchernde Gebuesch sie nicht verdeckte, war von allen Seiten die hohe Umfassungsmauer sichtbar. An dieser, dem Fenster gegenueber, befand sich, in augenscheinlichem Verfall, eine offene Rohrhuette; davor, von dem gruenen Gespinste einer Klematis fast bedeckt, stand noch ein Gartenstuhl. Der Huette gegenueber musste einst eine Partie von hochstaemmigen Rosen gewesen sein; aber sie hingen jetzt wie verdorrte Reiser an den entfaerbten Blumenstoecken, waehrend unter ihnen mit unzaehligen Rosen bedeckte Zentifolien ihre fallenden Blaetter auf Gras und Kraut umherstreuten. Die Kleine hatte die Arme auf die Fensterbank und das Kinn in ihre beiden Haende gestuetzt und schaute mit sehnsuechtigen Augen hinab. Drueben in der Rohrhuette flogen zwei Schwalben aus und ein; sie mussten wohl ihr Nest darin gebaut haben. Die andern Voegel waren schon zur Ruhe gegangen; nur ein Rotbruestchen sang dort noch herzhaft von dem hoechsten Zweige des abgebluehten Goldregens und sah das Kind mit seinen schwarzen Augen an.--"Nesi, wo steckst du denn?" sagte sanft eine alte Stimme, waehrend eine Hand sich liebkosend auf das Haupt des Kindes legte. Die alte Dienerin war unbemerkt hereingetreten. Das Kind wandte den Kopf und sah sie mit einem mueden Ausdruck an. "Anne", sagte es, "wenn ich nur einmal wieder in Grossmutters Garten duerfte!" Die Alte antwortete nicht darauf; sie kniff nur die Lippen zusammen und nickte ein paarmal wie zur Besinnung. "Komm, komm!" sagte sie dann. "Wie siehst du aus! Gleich werden sie da sein, dein Vater und deine neue Mutter!" Damit zog sie das Kind in ihre Arme und strich und zupfte ihr Haar und Kleider zurecht.--"Nein, nein, Neschen! Du darfst nicht weinen; es soll eine gute Dame sein, und schoen, Nesi; du siehst ja gern die schoenen Leute!" In diesem Augenblick toente das Rasseln eines Wagens von der Strasse herauf. Das Kind zuckte zusammen; die Alte aber fasste es bei der Hand und zog es rasch mit sich aus dem Zimmer. Sie kamen noch frueh genug, um den Wagen vorfahren zu sehen; die beiden Maegde haetten schon die Haustuer aufgeschlagen.--Das Wort der alten Dienerin schien sich zu bestaetigen. Von einem etwa vierzigjaehrigen Manne, in dessen ernsten Zuegen man Nesis Vater leicht erkannte, wurde eine junge schoene Frau aus dem Wagen gehoben. Ihr Haar und ihre Augen waren fast so dunkel wie die des Kindes, dessen Stiefmutter sie geworden war; ja man haette sie, fluechtig angesehen, fuer die rechte halten koennen, waere sie dazu nicht zu jung gewesen. Sie gruesste freundlich, waehrend ihre Augen wie suchend umherblickten; aber ihr Mann fuehrte sie rasch ins Haus und in das untere Zimmer, wo sie von dem frischen Rosenduft empfangen wurde. "Hier werden wir zusammen leben", sagte er, indem er sie in einen weichen Sessel niederdrueckte, "verlass dies Zimmer nicht, ohne hier die erste Ruhe in deinem neuen Heim gefunden zu haben!" Sie blickte innig zu ihm auf. "Aber du--willst du nicht bei mir bleiben?" --"Ich hole dir das Beste von den Schaetzen unseres Hauses." "Ja, ja, Rudolf, deine Agnes! Wo war sie denn vorhin?" Er hatte das Zimmer schon verlassen. Den Augen des Vaters war es nicht entgangen, dass bei ihrer Ankunft Nesi sich hinter der alten Anne versteckt gehalten hatte; nun, da er sie wie verloren draussen auf dem Hausflur stehen fand, hob er sie auf beiden Armen in die Hoehe und trug sie so in das Zimmer. --"Und hier hast du die Nesi!" sagte er und legte das Kind zu den Fuessen der schoenen Stiefmutter auf den Teppich; dann, als habe er Weiteres zu besorgen, ging er hinaus; er wollte die beiden allein sich finden lassen. Nesi richtete sich langsam auf und stand nun schweigend vor der jungen Frau; beide sahen sich unsicher und pruefend in die Augen. Letztere, die wohl ein freundliches Entgegenkommen als selbstverstaendlich vorausgesetzt haben mochte, fasste endlich die Haende des Maedchens und sagte ernst: "Du weisst doch, dass ich jetzt deine Mutter bin, wollen wir uns nicht liebhaben, Agnes?" Nesi blickte zur Seite. "Ich darf aber doch Mama sagen?" fragte sie schuechtern. --"Gewiss, Agnes; sag, was du willst, Mama oder Mutter, wie es dir gefaellt!" Das Kind sah verlegen zu ihr auf und erwiderte beklommen: "Mama koennte ich gut sagen!" Die junge Frau warf einen raschen Blick auf sie und heftete ihre dunkeln Augen in die noch dunkleren des Kindes. "Mama; aber nicht Mutter?" fragte sie. "Meine Mutter ist ja tot", sagte Nesi leise. In unwillkuerlicher Bewegung stiessen die Haende der jungen Frau das Kind zurueck; aber sie zog es gleich und heftig wieder an ihre Brust. "Nesi", sagte sie, "Mutter und Mama ist ja dasselbe!" <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 61584 TOTAL CHARACTERS) >>>