>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06257 <<< TITLE: IN ST. JUERGEN AUTHOR: THEODOR STORM EBOOK: E06257 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN IN ST. JUeRGEN von THEODOR STORM Novelle (1867) Es ist nur ein schmuckloses Staedtchen, meine Vaterstadt; sie liegt in einer baumlosen Kuestenebene, und ihre Haeuser sind alt und finster. Dennoch habe ich sie immer fuer einen angenehmen Ort gehalten, und zwei den Menschen heilige Voegel scheinen diese Meinung zu teilen. Bei hoher Sommerluft schweben fortwaehrend Stoerche ueber der Stadt, die ihre Nester unten auf den Daechern haben; und wenn im April die ersten Luefte aus dem Sueden wehen, so bringen sie gewiss die Schwalben mit, und ein Nachbar sagt's dem andern, dass sie gekommen sind.--So ist es eben jetzt. Unter meinem Fenster im Garten bluehen die ersten Veilchen, und drueben auf der Planke sitzt auch schon die Schwalbe und zwitschert ihr altes Lied: Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm; und je laenger sie singt, je mehr gedenke ich einer laengst Verstorbenen, der ich fuer manche gute Stunde meiner Jugend zu danken habe. Meine Gedanken gehen die lange Strasse hinauf bis zum aeussersten Ende, wo das St.-Juergens-Stift liegt; denn auch unsere Stadt hat ein solches, wie im Norden die meisten Staedte von einiger Bedeutung. Das jetzige Haus ist im sechzehnten Jahrhundert von einem unserer Herzoege erbaut und durch den Wohltaetigkeitssinn der Buerger allmaehlich zu einem gewissen Reichtum gediehen, so dass es nun fuer alte Menschen, die nach der Not des Lebens noch vor der ewigen Ruhe den Frieden suchen, einen gar behaglichen Aufenthaltsort bildet.--Mit der einen Seite streckt es sich an dem St.-Juergens-Kirchhof entlang, unter dessen maechtigen Linden schon die ersten Reformatoren gepredigt haben; die andere liegt nach dem innern Hofe und einem angrenzenden schmalen Gaertchen, aus dem in meiner Jugendzeit die Pfruendnerinnen sich ihr Straeusschen zum sonntaeglichen Gottesdienste pflueckten. Unter zwei schweren gotischen Giebeln fuehrt ein dunkler Torweg von der Strasse her in diesen Hof, von welchem aus man durch eine Reihe von Tueren in das Innere des Hauses, zu der geraeumigen Kapelle und zu den Zellen der Stiftsleute gelangt. Durch jenes Tor bin ich als Knabe oft gegangen; denn seitdem, lange vor meiner Erinnerung, die grosse St.-Marien-Kirche wegen Baufaelligkeit abgebrochen war, wurde der allgemeine Gottesdienst viele Jahre hindurch in der Kapelle des St.-Juergens-Stiftes gehalten. Wie oft zur Sommerzeit, ehe ich in die Kapellentuer trat, bin ich in der Stille des Sonntagsmorgens zoegernd auf dem sonnigen Hofe stehengeblieben, den von dem nebenliegenden Gaertchen her, je nach der Jahreszeit, Goldlack-, Nelken- oder Resedaduft erfuellte.--Aber dies war nicht das einzige, weshalb mir derzeit der Kirchgang so lieblich schien; denn oftmals, besonders wenn ich ein Stuendchen frueher auf den Beinen war, ging ich weiter in den Hof hinab und lugte nach einem von der Morgensonne beleuchteten Fensterchen im obern Stock, an dessen einer Seite zwei Schwalben sich ihr Nest gebaut hatten. Der eine Fensterfluegel stand meistens offen; und wenn meine Schritte auf dem Steinpflaster laut wurden, so bog sich wohl ein Frauenkopf mit grauem glattgescheiteltem Haar unter einem schneeweissen Haeubchen daraus hervor und nickte freundlich zu mir herab. "Guten Morgen, Hansen", rief ich dann; denn nur bei diesem, ihrem Familiennamen, nannten wir Kinder unsere alte Freundin; wir wussten kaum, dass sie auch noch den wohlklingenden Namen "Agnes" fuehrte, der einst, da ihre blauen Augen noch jung und das jetzt graue Haar noch blond gewesen, gar wohl zu ihr gepasst haben mochte. Sie hatte viele Jahre bei der Grossmutter gedient und dann, ich mochte damals in meinem zwoelften Jahre sein, als die Tochter eines Buergers, der der Stadt Lasten getragen, im Stifte Aufnahme gefunden. Seitdem war eigentlich fuer uns aus dem grossmuetterlichen Hause die Hauptperson verschwunden; denn Hansen wusste uns allezeit, und ohne dass wir es merkten, in behagliche Taetigkeit zu setzen; meiner Schwester schnitt sie die Muster zu neuen Puppenkleidern, waehrend ich mit dem Bleistift in der Hand nach ihrer Angabe allerlei kuenstliche Prendelschrift anfertigen oder auch wohl ein jetzt selten gewordenes Bild der alten Kirche nachzeichnen musste, das in ihrem Besitze war. Nur eines ist mir spaeter in diesem Verkehr aufgefallen; niemals hat sie uns ein Maerchen oder eine Sage erzaehlt, an welchen beiden doch unsere Gegend so reich ist; sie schien es vielmehr als etwas Unnuetzes oder gar Schaedliches zu unterdruecken, wenn ein anderer von solchen Dingen anheben wollte. Und doch war sie nichts weniger als eine kalte oder phantasielose Natur. --Dagegen hatte sie an allem Tierleben ihre Freude; besonders liebte sie die Schwalben und wusste ihren Nesterbau erfolgreich gegen den Kehrbesen der Grossmutter zu verteidigen, deren fast hollaendische Sauberkeit sich nicht wohl mit den kleinen Eindringlingen vertragen konnte. Auch schien sie das Wesen dieser Voegel genauer beobachtet zu haben. So entsinne ich mich, dass ich ihr einst eine Turmschwalbe brachte, die ich wie leblos auf dem Steinpflaster des Hofes gefunden hatte. "Das schoene Tier wird sterben", sagte ich, indem ich traurig das glaenzende braunschwarze Gefieder streichelte; aber Hansen schuettelte den Kopf. "Die?" sagte sie, "das ist die Koenigin der Luft; ihr fehlt nichts als der freie Himmel! Die Angst vor einem Habicht wird sie zu Boden geworfen haben; da hat sie mit den langen Schwingen sich nicht helfen koennen." Dann gingen wir in den Garten; ich mit der Schwalbe, die ruhig in meiner Hand lag, mich mit den grossen braunen Augen ansehend. "Nun wirf sie in die Luft!" rief Hansen. Und staunend sah ich, wie, von meiner Hand geworfen, der scheinbar leblose Vogel gedankenschnell seine Schwingen ausbreitete und mit hellem Zwitscherlaut wie ein befiederter Pfeil in dem sonnigen Himmelsraum dahinschoss. "Vom Turm aus", sagte Hansen, "solltest du sie fliegen sehen; das heisst von dem Turm der alten Kirche, der noch ein Turm zu nennen war." Dann, mit einem Seufzer meine Wangen streichelnd, ging sie ins Haus zurueck an die gewohnte Arbeit. "Weshalb seufzt denn Hansen so?" dachte ich.--Die Antwort auf diese Frage erhielt ich erst viele Jahre spaeter, aus einem mir damals gaenzlich fremden Munde. Nun war sie in den Ruhestand versetzt, aber ihre Schwalben hatten sie zu finden gewusst, und auch wir Kinder wussten sie zu finden. Wenn ich am Sonntagmorgen vor der Kirchzeit in das saubere Stuebchen der alten Jungfrau trat, pflegte sie schon im feiertaeglichen Anzuge vor ihrem Gesangbuche zu sitzen. Wollte ich dann neben ihr auf dem kleinen Kanapee Platz nehmen, so sagte sie wohl: "Ei was, da siehst du ja die Schwalben nicht!" Dann raeumte sie einen Geranien- oder einen Nelkenstock von der Fensterbank und liess mich in der tiefen Fensternische auf ihrem Lehnstuhl niedersetzen. "Aber so fechten mit den Armen darfst du nicht", fuegte sie dann laechelnd hinzu; "so junge muntere Gesellen sehen sie nicht alle Tage!" Und dann sass ich ruhig und sah, wie die schlanken Voegel im Sonnenscheine ab und zu flogen, ihr Nest bauten oder ihre Jungen fuetterten, waehrend Hansen mir gegenueber von der Herrlichkeit der alten Zeit erzaehlte; von den Festen im Hause meines Urgrossvaters, von den Aufzuegen der alten Schuetzengilde oder--und das war ihr Lieblingsthema--von der Bilder- und Altarpracht der alten Kirche, in der sie selbst noch zur Enkelin des letzten Tuermers Gevatter gestanden hatte; bis dann endlich von der Kapelle her der erste Orgelton zu uns herueberbrauste. Dann stand sie auf, und wir gingen miteinander durch einen schmalen endlosen Korridor, welcher nur durch die verhangenen Tuerfensterchen der zu beiden Seiten liegenden Zellen ein karges Daemmerlicht empfing. Hier und dort oeffnete sich eine dieser Tueren, und in dem Schein, der einige Augenblicke die Dunkelheit unterbrach, sah ich alte, seltsam gekleidete Maenner und Frauen auf den Gang hinausschlurfen, von denen die meisten wohl schon vor meiner Geburt aus dem Leben der Stadt entschwunden waren. Gern haette ich dann dies oder jenes gefragt; aber auf dem Wege zur Kirche hatte ich von Hansen keine Antwort zu erwarten; und so gingen wir denn schweigend weiter, am Ende des Ganges Hansen mit der alten Gesellschaft auf einer Hintertreppe nach unten zu den Plaetzen der Stiftsleute, ich oben auf das Chor, wo ich traeumend dem sich drehenden Glockenspiel der Orgel zusah und, wenn unser Propst die Kanzel bestiegen hatte--ich will es gestehen--, seine gewiss wohlgesetzte Predigt meist nur wie ein eintoeniges Wellengeraeusch und wie aus weiter Ferne an mein Ohr dringen fuehlte; denn unter mir, gegenueber, hing das lebensgrosse Portraet eines alten Predigers mit langen schwarzkrausen Haaren und seltsam geschorenem Schnurrbart, das bald meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen pflegte. Mit den melancholischen schwarzen Augen blickte es so recht wie aus der dumpfen Welt des Wunder- und Hexenglaubens in die neue Zeit hinauf und erzaehlte mir weiter von der Stadt Vergangenheit, wie es in den Chroniken zu lesen stand, bis hinab zu dem boesen Stegreifjunker, dessen letzte Untat einst das Epitaphium des Ermordeten in der alten Kirche berichtet hatte.--Freilich, wenn dann ploetzlich die Orgel das "Unsern Ausgang segne Gott" einsetzte, so schlich ich mich meist verstohlen wieder ins Freie; denn es war kein Spass, dem Examen meiner alten Freundin ueber die gehoerte Predigt standhalten zu muessen. Von ihrer eigenen Vergangenheit pflegte Hansen nicht zu erzaehlen; ich war schon ein paar Jahre lang Student gewesen, als ich bei einem Ferienbesuch in der Heimat darueber zum ersten Mal etwas von ihr erfuhr. Es war im April, an ihrem fuenfundsechzigsten Geburtstage. Wie in frueheren Jahren, so hatte ich ihr auch heute die beiden hergebrachten Dukaten von der Grossmutter und einige kleine Geschenke von uns Geschwistern ueberbracht und war von ihr mit einem Glaeschen Malaga bewirtet worden, den sie fuer solche Tage in ihrem Wandschraenkchen aufbewahrte. Nachdem wir ein Weilchen geplaudert hatten, bat ich sie, mir heute, wie ich schon lange gewuenscht, den Festsaal zu zeigen, in dem seit Jahrhunderten die Vorsteher der Stiftung nach der jaehrlichen Rechnungsablage ihre Schmaeuse zu feiern pflegten. Hansen willigte ein, und wir gingen miteinander den dunkeln Korridor entlang; denn der Saal lag jenseits der Kapelle am andern Ende des Hauses. Als ich beim Hinabsteigen der Hintertreppe ausglitt und die letzten Stufen hinabstolperte, wurde unten auf dem Flur eine Tuer aufgerissen, und der unheimliche nackte Kopf eines neunzigjaehrigen Mannes reckte sich daraus hervor. Er murmelte ein paar halbverstaendliche Scheltworte und stierte uns dann, bis wir durch die Tuer der Kapelle traten, mit den verglasten Augen nach. Ich kannte ihn wohl; die Stiftsleute hiessen ihn den "Spoekenkieker"; denn sie behaupteten, er koenne "was sehen". "Die Augen koennten einen fuerchten machen", sagte ich zu Hansen, als wir durch die Kapelle gingen. Sie meinte: "Er sieht dich gar nicht; er sieht nur noch rueckwaerts in sein eignes toerichtes und suendhaftes Leben." "Aber", erwiderte ich scherzend, "er sieht doch dort in der Ecke die offenen Saerge stehen, waehrend die darin liegen, noch lebend unter euch umherwandern." "Das sind auch nur Schatten, mein Kind; er tut nichts Arges mehr. Freilich", setzte sie hinzu, "ins Stift gehoerte er nicht und hat auch nur auf eine der Freistellen des Amtmanns hineinschluepfen koennen; denn wir andern muessen unsere buergerliche Reputation nachweisen, ehe wir hier angenommen werden." Wir hatten inzwischen den Schluessel bei der Wirtschafterin abgelangt und stiegen nun die Treppe zu dem Festsaal hinauf.--Es war nur ein maessig grosses, niedriges Gemach, das wir betraten. An der einen Wand sah man eine altertuemliche Stutzuhr aus dem Nachlass einer hier Verstorbenen, an der gegenueberstehenden hing das lebensgrosse Bild eines Mannes in einfachem rotem Wams; sonst war das Zimmer ohne Schmuck. "Das ist der gute Herzog, der das Stift gebaut hat", sagte Hansen; "aber die Menschen geniessen seine Gaben und denken nicht mehr an ihn, wie er es doch bei seiner Lebzeit wohl gewuenscht hat." "Aber du gedenkst ja seiner, Hansen." <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 81795 TOTAL CHARACTERS) >>>