>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E06161 <<< TITLE: EIN RING AUTHOR: PAUL HEYSE EBOOK: E06161 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Ein Ring Paul Heyse Novelle (1904) Wie bist du zu dem seltsamen Ringe gekommen, liebe Tante? Einen so massiven, mit grossen schwarzen Buchstaben habe ich nie gesehen. Ist's ein Trauerring? Und was steht in der Inschrift? Die kleine alte Frau, an die ich diese Fragen richtete, war eine aeltere Schwester meiner Mutter, nur Tante Klaerchen von uns genannt. Vor siebzehn Jahren hatte sie ihren Mann verloren, den Bankier Herz, dessen grosse, schwerfaellige Figur mit dem feinen juedischen Kopfe mir noch aus meiner fruehesten Kinderzeit vor Augen steht, da meine Eltern, als ich zwei Jahre alt war, die Frankfurter Verwandten besucht hatten. Nun war diese Lieblingsschwester meiner Mutter nach einem glaenzenden Leben an der Seite des wohlhabenden Gatten, dem sie schoene Toechter geboren, in eine unscheinbare Dunkelheit versunken, hatte aber ihre Wohnung an der "Schoenen Aussicht" behalten und sie nur selten verlassen, teils weil ihre aeussere Lage ihr den frueheren Aufwand nicht mehr gestattete und zunehmende Kraenklichkeit sie oft ans Bett fesselte, teils weil sie in diesem Hause die freundliche Pflege und Gesellschaft ihres aeltesten Bruders genoss, meines Onkels Louis Saaling und seiner Frau, von denen ich in meinen "Jugenderinnerungen" ein mehreres erzaehlt habe. Als ich nun in meinem neunzehnten Jahre als fahrender Schueler von Bonn aus den Rhein hinauf wallfahrtete und einige Tage von meinem Onkel beherbergt wurde, ehe ich in die Schweiz weiterzog, fasste ich eine lebhafte Neigung zu dieser Tante Klaerchen, die auch mich, schon um meiner Mutter willen, mit einer ruehrenden Zaertlichkeit ins Herz schloss. Sie lag damals schon fest auf dem Krankenbette, das sie nicht mehr verlassen sollte. Aber wer von ihren Schmerzen nichts wusste und das feine, edelgebildete Gesichtchen unter dem kostbaren Spitzentuch betrachtete, noch von schwarzen, glaenzenden Locken trotz ihrer sechzig Jahre eingefasst, die Augen von einer seltsamen Onyxfarbe in dem blaeulichen Weiss unter den breiten Lidern, dazu das Gruebchen in der glatten linken Wange, das bei jedem Laecheln sich vertiefte--konnte sich nicht vorstellen, dass die Tage dieser lieblichen alten Frau gezaehlt sein sollten. Klaerchen hat immer einen "Chain" gehabt, pflegte meine Mutter zu sagen--der juedische Ausdruck fuer das, was wir mit den Franzosen Charme nennen. Diesem Zauber weiblicher Anmut, der aus dem ganzen Naturell der Tante hervorging und bis ins hohe Alter ihr treu blieb, konnte auch ich nicht widerstehen. Ich sass stundenlang an ihrem Bette und liess mir von ihren Erlebnissen aus der Zeit, da sie mit meiner Mutter jung und lustig gewesen war, erzaehlen. Sie war nie witzig gewesen, wie "Julchen", aber ein dankbares Publikum fuer den Humor der Schwester, und hatte eine Menge der drolligen Einfaelle meiner Mutter im Gedaechtnis behalten. Dagegen musste ich ihr von meinem Studentenleben berichten, meine kleinen romantischen Abenteuer und Herzensangelegenheiten beichten, und da es kein Geheimnis war, dass ich Verse machte, ihr auch ein und das andere dieser jugendlichen Exerzitien vorlesen. Sie sagte mir nichts darueber, hoerte aber mit zugedrueckten Augen und einer traeumerischen Miene zu, und als ich aufhoerte, zog sie meinen Kopf an ihr Gesicht heran, kuesste mich auf die Augen und sagte ganz leise: Ich danke dir, lieb Kind. Du bist ein gebenschter (gesegneter) Mensch. Gewoehnlich ruhten ihre beiden kleinen Haende regungslos auf der gruenseidenen Decke, die mit kostbaren Spitzen eingefasst war. Die ungemein zarte Haut war bleich wie alter, weisser Atlas, der etwas vergilbt ist und seinen Glanz verloren hat, wie auch ueber ihrem Gesicht kein Schimmer von Roete lag. An beiden Haenden aber blitzten die kostbarsten Ringe, zwischen deren Juwelen der dicke Trauerring sich wie ein schlichter Fremdling ausnahm, der sich in eine vornehme Gesellschaft verirrt hatte. Als ich sie nach ihm fragte, hob die Tante sacht die linke Hand, die ihn trug, und hielt sie nahe vor die Augen, deren Sehkraft schon ein wenig geschwaecht war. Es ist auch ein Trauerring, sagte sie mit ihrer weichen Stimme, nachdem sie ihn eine Weile still betrachtet hatte. Der, von dem ich ihn habe, ist lange schon nicht mehr auf der Erde. Neben den anderen nimmt er sich nicht glaenzend aus, und doch ist er mir der liebste von allen. Dass er so dick ist, kommt davon her, weil er eine kleine Haarlocke einschliesst, die man sieht, wenn man die innere Kapsel oeffnet. Ich habe es seit vielen Jahren nicht mehr getan, will's auch jetzt nicht, es greift mich zu sehr an. Die Emailinschrift aber kannst du selbst lesen. Sie hielt mir den Ring wieder hin, und ich buchstabierte: Lebe wohl! Dann sank die Hand wieder auf die seidene Decke. Wir schwiegen eine Weile. Ich begriff, dass an dem Ringe ein Stueck Leben hing, das ich nicht heraufbeschwoeren wollte, da es traurig war und ich die liebe Kranke schonen wollte. Ich war aber doch zu neugierig, um nicht auf Umwegen die Enthuellung des Geheimnisses zu versuchen, und so sagte ich nach einiger Zeit ganz unschuldig: Du musst viele Anbeter gehabt haben, Tante, in deiner frueheren Zeit, noch da du schon grosse Toechter hattest. Mutter hat mir gesagt, wenn du mit ihnen in einen Ballsaal getreten seiest, habe man dich fuer ihre aelteste Schwester gehalten. Sie nickte still vor sich hin. Jawohl, lieb Kind, sagte sie, ich wusste das selbst, es waere kindisch gewesen, mir's verleugnen zu wollen. Aber Anbeter, was man so nennt, die sich einbildeten, sie koennten sich Hoffnungen machen, in besondere Gunst bei mir zu kommen, die hatte ich eigentlich nicht. Es wusst's alle Welt, dass ich meinen Mann lieb hatte und in Ehren hielt, obgleich ich gar keine schwaermerische Neigung zu ihm fuehlte, als ich mit siebzehn Jahren ihm angetraut wurde. Ich hatte ihn kaum sechsmal vorher gesehen, und schoen war er ja nicht, und dass er mir immer treu bleiben wuerde, machte ich mir auch keine Hoffnung. Ich weiss auch nicht, wie's spaeter damit stand, wollt's auch nicht wissen. Du weisst aber, bei uns Juden versteht sich's von selbst, dass die Frauen ihren Maennern treu bleiben, und die etwa eine Ausnahme von der Regel machten, wurden nicht zum besten darum angesehen, selbst in der damaligen Zeit, wo die guten alten Sitten sehr ins Wackeln kamen. Damals freilich kam's nicht gar selten vor, und gerade von den Reichsten und Schoensten erzaehlte man sich allerlei Skandale. Ich hoerte nicht viel danach hin. Ich hatte meine Kinder, und viel Freude daran, auch an meinem Hause, wo damals ein gross Leben war, da all die fremden Gesandten beim Bundestage bei uns eingefuehrt waren. Natuerlich wurde auch mir die Cour gemacht, aber immer auf Franzoesisch, wobei man ja wusste, all die schoenen Redensarten durfte man nicht au pied de la lettre nehmen. Ich konnt's um so leichter, weil Herz gar keine Ader von Eifersucht hatte, sondern nur schmunzelte, wenn man auch seine Frau noch schoen fand, obwohl sie auf die Vierzig losging und drei grosse Toechter hatte, eine immer schoener als die andere. Die Adelheid heiratete denn auch bald den Rothschild, die Helene, die die huebscheste war, den Fenelon Salingnac, und die Marianne den Baron Haber. Da hatte ich mit den Ausstattungen, Hochzeiten und bald hernach auch mit Grossmutterpflichten alle Haende voll zu tun und das Herz auch, denn dass es auch viel zu sorgen und zu seufzen gab, kannst du dir wohl denken, lieb Kind. Einen wirklichen, richtigen "Anbeter", wie du's meinst, hatt' ich aber doch. Das war kein eleganter, galanter Herr, der mir auf Franzoesisch erklaerte, dass er mich reizend, unwiderstehlich und grausam fand, sondern ein haesslicher, schuechterner alter Jude, der bei uns im Hause wohnte und mit zur Familie gehoerte. Alt war er nicht gerade, kaum fuenfzig, aber er machte den Eindruck, als waere er nie jung gewesen. Julchen sagte, er sehe aus "wie alt gekauft". Er hiess deshalb nur der alte Ebi, war Buchhalter bei meinem Manne gewesen und hatte dann seinen Abschied nehmen muessen, weil er den Star auf dem linken Auge bekam und das gesunde rechte geschont werden musste. Herz wollte ihn wegen seiner treuen Dienste mit einer reichlichen Pension entlassen, er bat aber, man solle ihm nur die Haelfte geben, ihm aber erlauben, im Hause zu bleiben, an das er sich einmal so gewoehnt habe, dass er draussen keinen frohen Tag leben werde. Herz lachte so mit seinem tiefen Bass und sagte: Das Haus, an das er gewoehnt ist, das bist du, Klaerchen, denn der alte Bursche, das sieht ein Blinder, ist in dich verliebt. Obwohl er aber sonst meschugge ist, die Narrheit kann ich ihm ja nachempfinden--dabei kuesste er mir die Hand--und darum will ich ihm, als ein Muster von nachsichtigem Ehemann, den Gefallen tun und er mag im Hause bleiben, bis er mal was ganz Verruecktes anstellt und dich durch seine Narrheit kompromittiert. Dann hat er sich's selbst zuzuschreiben, wenn wir geschiedene Leute sind. Der Ebi aber nahm sich wohl in acht, irgend so was anzustellen, was mir auch nur unbequem gewesen waere. Er sass die meiste Zeit ganz still in seinem Stuebchen, das wir ihm eingeraeumt hatten, las durch eine grosse Brille in allerlei hebraeischen Schriften, denn bevor er die Kaufmannschaft lernte, war er ein Bocher gewesen und wusste im Talmud Bescheid, und dazwischen schrieb er allerlei auf grossen Bogen, was er niemand zeigte. Marianne behauptete, er mache Gedichte. Ich fuerchtete, wenn ich ihn danach fragte, wuerde er sie mir zeigen wollen, und sie seien am Ende an mich gerichtet. Uebrigens machte er sich im Hause nuetzlich, wo er nur konnte, fuehrte meinen Viktor spazieren, blieb, wenn die Toechter Musikstunden hatten, als Anstandswaechter dabei und liess sich zu jeder Kommission, die ihm einer auftrug, bereit finden, so dass wir ohne unseren alten Ebi ein paar Dienstboten mehr haetten halten muessen. Er ass nie mit uns, sondern in einem kleinen koscheren Gasthause, da er die Speisegesetze hielt, und nur zum Tee kam er manchmal, wo er dann immer sehr reinlich gekleidet erschien, in einem langen schwarzen Rock, der ein bisschen an den Kaftan oder Schubbiz erinnerte, wie ihn die richtigen polnischen Juden tragen, eine weisse Krawatte umgeknuepft, das Haar sorgfaeltig frisiert. Schoen sah er dann erst recht nicht aus, eher komisch, aber bei alledem auch wieder ehrwuerdig, mit der grossen Nase in dem glattrasierten gelblichen Gesicht, dem feinen blassen Munde und den kleinen, tiefliegenden Augen, die aber, wenn er sich einmal in Eifer sprach, ganz merkwuerdig leuchteten. Man fuehlte ueberhaupt, dass ein ganz eigener Geist in ihm steckte, der die Menschen gruendlich durchschaute, und vor vielem, was der grossen Menge imponiert, gar keinen Respekt hatte, am wenigsten vor dem goldenen Kalbe. So gesteh' ich auch, dass mir seine stumme Huldigung heimlich schmeichelte und ich jede Gelegenheit ergriff, mich guetig <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 40751 TOTAL CHARACTERS) >>>