>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E05995 <<< TITLE: MENSCHLICHES, ALLZUMENSCHLICHES AUTHOR: FRIEDRICH WILHELM NIETZSCHE EBOOK: E05995 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Menschliches, Allzumenschliches Ein Buch fuer freie Geister Friedrich Nietzsche Inhalt An Stelle einer Vorrede Von den ersten und letzten Dingen Zur Geschichte der moralischen Empfindungen Das religioese Leben Aus der Seele der Kuenstler und Schriftsteller Anzeichen hoeherer und niederer Cultur Der Mensch im Verkehr Weib und Kind Ein Blick auf den Staat Der Mensch mit sich allein Ein Nachspiel Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fuer freie Geister Erster Band An Stelle einer Vorrede. - eine Zeit lang erwog ich die verschiedenen Beschaeftigungen, denen sich die Menschen in diesem Leben ueberlassen und machte den Versuch, die beste von ihnen auszuwaehlen. Aber es thut nicht noth, hier zu erzaehlen, auf was fuer Gedanken ich dabei kam: genug, dass fuer meinen Theil mir Nichts besser erschien, als wenn ich streng bei meinem Vorhaben verbliebe, das heisst: wenn ich die ganze Frist des Lebens darauf verwendete, meine Vernunft auszubilden und den Spuren der Wahrheit in der Art und Weise, welche ich mir vorgesetzt hatte, nachzugehen. Denn die Fruechte, welche ich auf diesem Wege schon gekostet hatte, waren der Art, dass nach meinem Urtheile in diesem Leben nichts Angenehmeres, nichts Unschuldigeres gefunden werden kann; zudem liess mich jeder Tag, seit ich jene Art der Betrachtung zu Huelfe nahm, etwas Neues entdecken, das immer von einigem Gewichte und durchaus nicht allgemein bekannt war. Da wurde endlich meine Seele so voll von Freudigkeit, dass alle uebrigen Dinge ihr Nichts mehr anthun konnten. Aus dem Lateinischen des Cartesius. Vorrede. 1. Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrueckt worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gaebe, von der "Geburt der Tragoedie" an bis zum letzthin veroeffentlichten "Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze fuer unvorsichtige Voegel und beinahe eine bestaendige unvermerkte Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschaetzungen und geschaetzter Gewohnheiten. Wie? Alles nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja nicht uebel versucht und ermuthigt, einmal den Fuersprecher der schlimmsten Dinge zu machen: wie als ob sie vielleicht nur die bestverleumdeten seien? Man hat meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der Verachtung, gluecklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit. In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als gelegentlicher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den Folgen erraeth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den Froesten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte Verschiedenheit des Blicks den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte - in irgend einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was ich brauchte, es mir kuenstlich erzwingen, zurecht faelschen, zurecht dichten musste (- und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu waere alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am noethigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, - ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergruenden, Oberflaechen, Nahem, Naechstem, an Allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmuenzerei vorruecken koennte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht haette, zu einer Zeit, wo ich ueber Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass ich mich ueber Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen haette, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen ueber die Griechen, insgleichen ueber die Deutschen und ihre Zukunft - und es gaebe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? - gesetzt aber, dies Alles waere wahr und mit gutem Grunde mir vorgerueckt, was wisst ihr davon, was koenntet ihr davon wissen, wie viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und hoehere Obhut in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner Wahrhaftigkeit gestatten darf?... Genug, ich lebe noch; und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Taeuschung, es lebt von der Taeuschung... aber nicht wahr? da beginne ich bereits wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und Vogelsteller - und rede unmoralisch, aussermoralisch, "jenseits von Gut und Boese"? - 2. - So habe ich denn einstmals, als ich es noethig hatte, mir auch die "freien Geister" erfunden, denen dieses schwermuethig-muthige Buch mit dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen "freie Geister" giebt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie damals, wie gesagt, zur Gesellschaft noethig, um guter Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia, Unthaetigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man schwaetzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwaetzen und zu lachen, und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, - als ein Schadenersatz fuer mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister einmal geben koennte, dass unser Europa unter seinen Soehnen von Morgen und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird, leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als Schemen und Einsiedler-Schattenspiel: daran moechte ich am wenigsten zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen, wenn ich zum Voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehn, auf welchen Wegen ich sie kommen sehe? - 3. Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus "freier Geist" einmal bis zur Vollkommenheit reif und suess werden soll, sein entscheidendes Ereigniss in einer grossen Losloesung gehabt hat, und dass er vorher um so mehr ein gebundener Geist war und fuer immer an seine Ecke und Saeule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche Stricke sind beinahe unzerreissbar? Bei Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und Wuerdigen, jene Dankbarkeit fuer den Boden, aus dem sie wuchsen, fuer die Hand, die sie fuehrte, fuer das Heiligthum, wo sie anbeten lernten, - ihre hoechsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden, am dauerndsten verpflichten. Die grosse Losloesung kommt fuer solchermaassen Gebundene ploetzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele wird mit Einem Male erschuettert, losgerissen, herausgerissen, - sie selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird ueber sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige gefaehrliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben als hier leben" - so klingt die gebieterische Stimme und Verfuehrung: und dies "hier", dies "zu Hause" ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein ploetzlicher Schrecken und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen Das, was ihr "Pflicht" hiess, ein aufruehrerisches, willkuerliches, vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde, Entfremdung, Erkaeltung, Ernuechterung, Vereisung, ein Hass auf die Liebe, vielleicht ein tempelschaenderischer Griff und Blick rueckwaerts, dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth der Scham ueber Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich, dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern, in dem sich ein Sieg verraeth - ein Sieg? ueber was? ueber wen? ein raethselhafter fragenreicher fragwuerdiger Sieg, aber der erste Sieg immerhin: - dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehoert zur Geschichte der grossen Losloesung. Sie ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstoeren kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum freien Willen: und wie viel Krankheit drueckt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgeloeste sich nunmehr seine Herrschaft ueber die Dinge zu beweisen sucht! Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Luesternheit; was er erbeutet, muss die gefaehrliche Spannung seines Stolzes abbuessen; er zerreisst, was ihn reizt. Mit einem boesen Lachen dreht er um, was er verhuellt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie diese Dinge aussehn, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkuer und Lust an der Willkuer darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig und ziellos unterwegs wie in einer Wueste - steht das Fragezeichen einer immer gefaehrlicheren Neugierde. "Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht Boese? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzten Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht eben dadurch auch Betrueger? muessen wir nicht auch Betrueger sein?" - solche Gedanken fuehren und verfuehren ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, wuergender, herzzuschnuerender, jene furchtbare Goettin und mater saeva cupidinum - aber wer weiss es heute, was Einsamkeit ist?... 4. Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wueste solcher Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren ueberstroemenden Sicherheit und Gesundheit, welche der Krankheit selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 593996 TOTAL CHARACTERS) >>>