>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E05854 <<< TITLE: DAS KLOSTER BEI SENDOMIR AUTHOR: FRANZ GRILLPARZER EBOOK: E05854 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN DAS KLOSTER BEI SENDOMIR von FRANZ GRILLPARZER Erzaehlung Nach einer als wahr ueberlieferten Begebenheit Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten die Abhaenge eines der reizendsten Taeler der Woiwodschaft Sendomir. Wie zum Scheidekuss ruhten sie auf den Mauern des an der Ostseite fensterreich und wohnlich prangenden Klosters, als eben zwei Reiter, von wenigen Dienern begleitet, den Saum der gegenueberliegenden Huegelkette erreichten, und, von der Vesperglocke gemahnt, nach kurzem, betrachtendem Verweilen, ihre Pferde in schaerfern Trott setzten, taleinwaerts, dem Kloster zu. Die Kleidung der spaeten Gaeste bezeichnete die Fremden. Breitgedrueckte, befiederte Huete, das Elenkoller vom dunklen Brustharnisch gedrueckt, die straffanliegenden Unterkleider und hohen Stulpstiefeln erlaubten nicht, sie fuer eingeborne Polen zu halten. Und so war es auch. Als Boten des deutschen Kaisers zogen sie, selbst Deutsche, an den Hof des kriegerischen Johann Sobiesky, und, vom Abend ueberrascht, suchten sie Nachtlager in dem vor ihnen liegenden Kloster. Das bereits abendlich verschlossene Tor ward den Einlassheischenden geoeffnet, und der Pfoertner hiess sie eintreten in die geraeumige Gaststube, wo Erfrischung und Nachtruhe ihrer warte; obgleich, wie er entschuldigend hinzusetzte, der Abt und die Konventualen, bereits zur Vesper im Chor versammelt, sich fuer heute die Bewillkommnung so werter Gaeste versagen muessten. Die Angabe des etwas misstrauisch blickenden Mannes ward durch den eintoenigen Zusammenklang halb sprechend, halb singend erhobener Stimmen bekraeftigt, die, aus daempfender Ferne durch die hallenden Gewoelbe sich hinwindend, den Chorgesang einer geistlichen Gemeine deutlich genug bezeichneten. Die beiden Fremden traten in das angewiesene Gemach, welches, obgleich, wie das ganze Kloster, offenbar erst seit kurzem erbaut, doch altertuemliche Spitzformen mit absichtlicher Genauigkeit nachahmte. Weniges, doch anstaendiges Geraete war rings an den Waenden verteilt. Die hohen Bogenfenster gingen ins Freie, wo der in Osten aufsteigende Mond, mit der letzten Abendhelle kaempfend, nur sparsame Schimmer auf die Erhoehungen des hueglichten Bodens warf, indes in den Falten der Taeler und unter den Baeumen des Forstes sich allgemach die Nacht mit ihrem dunkeln Gefolge lagerte, und stille Ruhe, hold vermischend, ihren Schleier ueber Belebtes und Unbelebtes ausbreitete. Die eigenen Diener der Ritter trugen Wein auf und Abendkost. Ein derbgefuegter Tisch, in die Bruestung des geoeffneten Bogenfensters gerueckt, empfing die ermuedeten Gaeste, die, auf hohe Armstuehle gelagert, sich bald an dem zauberischen Spiele des Mondlichtes ergoetzten, bald, zu Wein und Speise zurueckkehrend, den Koerper fuer die Reise des naechsten Tages staerkten. Eine Stunde mochte auf diese Art vergangen sein. Die Nacht war vollends eingebrochen, Glockenklang und Chorgesang laengst verstummt. Die zur Ruhe gesendeten Diener hatten eine duesterbrennende Ampel, in der Mitte des Gemaches haengend, angezuendet, und noch immer sassen die beiden Ritter am Fenster, im eifrigen Gespraech; vielleicht vom Zweck ihrer Reise, offenbar von Wichtigem. Da pochte es mit kraeftigem Finger an die Tuere des Gemaches, und ehe man noch, ungern die Rede unterbrechend, mit einem: Herein! geantwortet, oeffnete sich diese, und eine seltsame Menschengestalt trat ein, mit der Frage: ob sie Feuer beduerften? Der Eingetretene war in ein abgetragenes, an mehreren Stellen geflicktes Moenchskleid gehuellt, das sonderbar genug gegen den derben, gedrungenen Koerperbau abstach. Obgleich von Alter schon etwas gebeugt und mehr unter als ueber der Mittelgroesse, war doch ein eigener Ausdruck von Entschlossenheit und Kraft ueber sein ganzes Wesen verbreitet, so dass, die Kleidung abgerechnet, der Beschauer den Mann eher fuer alles, als fuer einen friedlichen Sohn der Kirche erkannt haette. Haar und Bart, vormals augenscheinlich rabenschwarz, nun aber ueberwiegend mit Grau gemischt und, trotz ihrer Laenge, stark gekraeuselt, draengten sich in dichter Fuelle um Stirne, Mund und Kinn. Das Auge, kloesterlich gesenkt, hob sich nur selten; wenn es aber aufging, traf es wie ein Wetterschlag, so grauenhaft funkelten die schwarzen Sterne aus den aschfahlen Wangen, und man fuehlte sich erleichtert, wenn die breiten Lider sie wieder bedeckten. So beschaffen und so angetan, trat der Moench, ein Buendel Holz unter dem Arme, vor die Fremden hin, mit der Frage: ob sie Feuer beduerften? Die beiden sahen sich an, erstaunt ob der seltsamen Erscheinung. Indessen kniete der Moench am Kamine nieder und begann Feuer anzumachen, liess sich auch durch die Bemerkung nicht stoeren, dass man gar nicht friere, und seine Muehe ueberfluessig sei. Die Naechte wuerden schon rauh, meinte er und fuhr in seiner Arbeit fort. Nachdem er sein Werk vollendet, und das Feuer lustig brannte, blieb er ein paar Augenblicke am Kamin stehen, die Haende waermend, dann, ohne sich scheinbar um die Fremden zu bekuemmern, schritt er schweigend der Tuere zu. Schon stand er an dieser und hatte die Klinke in der Hand, da sprach einer der Fremden: "Nun Ihr einmal hier seid, ehrwuerdiger Vater"-"Bruder!" fiel der Moench, wie unwillig, ein, und ohne sich umzusehen, blieb er, die Stirn gegen die Tuere geneigt, am Eingange stehen. "Nun denn also, ehrwuerdiger Bruder!" fuhr der Fremde fort, "da Ihr schon einmal hier seid, so gebt uns Aufschluss ueber einiges, das wir zu wissen den Wunsch hegen." "Fragt!" sprach, sich umwendend, der Moench. "So wisst denn", sagte der Fremde, "dass uns die herrliche Lage und Bauart Eures Klosters mit Bewunderung erfuellt hat, vor allem aber, dass es so neu ist und vor kurzem erst aufgefuehrt zu sein scheint." Die dunkeln Augen des Moenches hoben sich bei dieser Rede und hafteten mit einer Art grimmigen Ausdruckes auf dem Sprechenden. "Die Zeiten sind vorueber", fuhr dieser fort, wo die Errichtung solcher Werke der Froemmigkeit nichts Seltenes war. Wie lange steht das Kloster?" "Wisst Ihr es vielleicht schon?" fragte, zu Boden blickend, der Moench, "oder wisst Ihr es nicht?" "Wenn das erstere, wuerde ich fragen?" entgegnete der Fremde. "Es trifft sich zuweilen", murmelte jener. "Drei Jahre steht dies Kloster. Dreissig Jahre!" fuegte er verbessernd hinzu und sah nicht auf vom Boden. "Wie aber hiess der Stifter?" fragte der Fremde weiter. "Welch gottgeliebter Mann?"--Da brach der Moench in ein schmetterndes Hohngelaechter aus. Die Stuhllehne, auf die er sich gestuetzt hatte, brach krachend unter seinem Druck zusammen; eine Hoelle schien in dem Blicke zu flammen, den er auf die Fremden richtete, und ploetzlich gewendet, ging er schallenden Trittes zur Tuere hinaus. Noch hatten sich die beiden von ihrem Erstaunen nicht erholt, da ging die Tuere von neuem auf, und derselbe Moench trat ein. Als ob nichts vorgefallen waere, schritt er auf den Kamin zu, lockerte mit dem Stoereisen das Feuer auf, legte Holz zu, blies in die Flamme. Darauf sich umwendend, sagte er: "Ich bin der mindeste von den Dienern dieses Hauses. Die niedrigsten Dienste sind mir zugewiesen. Gegen Fremde muss ich gefaellig sein, und antworten, wenn sie fragen. Ihr habt ja auch gefragt? Was war es nur?" "Wir wollten ueber die Gruendung dieses Klosters Auskunft einholen", sprach der aeltere der beiden Deutschen, "aber Eure sonderbare Weigerung"-"Ja, ja!" sagte der Moench, "Ihr seid Fremde, und kennet Ort und Leute noch nicht. Ich moechte gar zu gerne Eure toerichte Neugierde unbefriedigt lassen, aber dann klagt Ihrs dem Abte, und der schilt mich wieder, wie damals, als ich dem Palatin von Plozk an die Kehle griff, weil er meiner Vaeter Namen schimpfte. Kommt Ihr von Warschau?" fuhr er nach einer kleinen Weile fort. "Wir gehen dahin", antwortete einer der Fremden. "Das ist eine arge Stadt", sagte der Moench, indem er sich setzte. "Aller Unfrieden geht von dort aus. Wenn der Stifter dieses Klosters nicht nach Warschau kam, so stiftete er ueberhaupt kein Kloster, es gaebe keine Moenche hier, und ich waere auch keiner. Da Ihr nicht von dorther kommt, moegt Ihr rechtliche Leute sein, und, alles betrachtet, will ich Euch die Geschichte erzaehlen. Aber unterbrecht mich nicht und fragt nicht weiter, wenn ich aufhoere. Am Ende sprech ich selbst gerne wieder einmal davon. Wenn nur nicht so viel Nebel dazwischen laege, man sieht kaum das alte Stammschloss durchschimmern--und der Mond scheint auch so truebe."--Die letzten Worte verloren sich in ein unverstaendliches Gemurmel, und machten endlich einer tiefen Stille Platz, waehrend welcher der Moench, die Haende in die weiten Aermel gesteckt, das Haupt auf die Brust gesunken, unbeweglich da sass. Schon glaubten die beiden, seine Zusage habe ihn gereut, und wollten kopfschuettelnd sich entfernen; da richtete er sich ploetzlich mit einem verstaerkten Atemzuge empor; die vorgesunkene Kapuze fiel zurueck; das Auge, nicht mehr wild, strahlte in fast wehmuetigem Lichte; er stuetzte das dem Mond entgegengewendete Haupt in die Hand und begann: "Starschensky hiess der Mann, ein Graf seines Stammes, dem gehoerte die weite Umgegend und der Platz, wo dies Kloster steht. Damals war aber noch kein Kloster. Hier ging der Pflug; er selber hauste dort oben, wo jetzt geborstene Mauern das Mondlicht zurueckwerfen. Der Graf war nicht schlimm, wenn auch gerade nicht gut. Im Kriege hiess man ihn tapfer; sonst lebte er still und abgeschieden im Schlosse seiner Vaeter. Ueber eines wunderten sich die Leute am meisten: nie hatte man ihn einem weiblichen Wesen mit Neigung zugetan gesehen, sichtlich vermied er den Umgang mit Frauen. Er galt daher fuer einen Weiberfeind; doch war er keiner. Ein von Natur schuechterner Sinn, und--lasst sehn ob ichs treffe!" sagte der Moench, indem er sich aufrichtete--"ein ueber alles gehendes Behagen am Besitz seiner selbst, hatte ihm bis dahin keine Annaeherung erlaubt. Abwesenheit von Unlust war ihm Lust.--Habt Ihr noch Wein uebrig? Gebt mir einen Becher! Der Graf war so schlimm nicht." Der Moench trank, dann fuhr er fort: "So lebte Starschensky, so gedachte er zu sterben; doch war es ihm anders bestimmt. Ein Reichstag rief ihn nach Warschau. Unwillig ueber die Verkehrtheit der Menge, deren jeder nur sich wollte, wo es das Wohl des Ganzen galt, ging er eines Abends durch die Strassen der Stadt; schwarze Regenwolken hingen am Himmel, jeden Augenblick bereit, sich zu entladen, dichtes Dunkel ringsum. Da hoerte er ploetzlich hinter sich eine weibliche Stimme, die zitternd und schluchzend ihn anspricht: Wenn Ihr ein Mensch seid, so erbarmt Euch eines Ungluecklichen! Rasch umgewendet, erblickt der Graf ein Maedchen, das bittend ihm die Haende entgegenstreckt. Die Kleidung schien aermlich, Hals und Arme <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 62369 TOTAL CHARACTERS) >>>