>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E05621 <<< TITLE: ECCE HOMO AUTHOR: FRIEDRICH WILHELM NIETZSCHE EBOOK: E05621 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Friedrich Nietzsche Ecce homo Wie man wird, was man ist Vorwort 1. In Voraussicht, dass ich ueber Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerlaesslich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde duerfte man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das Missverhaeltniss aber zwischen der Groesse meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass man mich weder gehoert, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu ueberzeugen, dass ich nicht lebe... Unter diesen Umstaenden giebt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltirt, naemlich zu sagen: Hoert mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht! 2. Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu meinem Stolz gehoert. Ich bin ein juenger des Philosophen Dionysos, ich zoege vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen wuerde, waere, die Menschheit zu "verbessern". Von mir werden keine neuen Goetzen aufgerichtet; die alten moegen lernen, was es mit thoenernen Beinen auf sich hat. Goetzen (mein Wort fuer "Ideale") umwerfen - das gehoert schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realitaet in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und die Realitaet... Die Luege des Ideals war bisher der Fluch ueber der Realitaet, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbuergt waere. 3. Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine Luft der Hoehe ist, eine starke Luft. Man muss fuer sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkaelten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fuehlt! - Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden und Fragwuerdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwuenscht sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer grossen Namen kam fuer mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit ertraegt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde fuer mich immer mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal -) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwaerts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der Haerte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsaetzlich immer nur die Wahrheit. - 4. Innerhalb meiner Schriften steht fuer sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das groesste Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme ueber Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das hoechste Buch, das es giebt, das eigentliche Hoehenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschoepflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Guete gefuellt heraufzukommen. Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hoeren, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswuerdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfuessen kommen, lenken die Welt." Die Feigen fallen von den Baeumen, sie sind gut und suess: und indem sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen. Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr suesses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag - Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfuelle und Glueckstiefe faellt Tropfen fuer Tropfen, Wort fuer Wort, eine zaertliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwaehltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hoerer zu sein; es steht Niemandem frei, fuer Zarathustra Ohren zu haben... Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verfuehrer?... Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurueckkehrt? Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger", "Welt-Erloeser" und andrer decadent in einem solchen Falle sagen wuerde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders... Allein gehe ich nun, meine Juenger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es. Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schaemt euch seiner! Vielleicht betrog er euch. Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss auch seine Freunde hassen koennen. Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schueler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen? Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfaellt? Huetet euch, dass euch nicht eine Bildsaeule erschlage! Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Glaeubigen, aber was liegt an allen Glaeubigen! Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Glaeubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben. Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren... Friedrich Nietzsche. Inhalt Warum ich so weise bin. Warum ich so klug bin. Warum ich so gute Buecher schreibe. Geburt der Tragoedie. Die Unzeitgemaessen. Menschliches, Allzumenschliches. Morgenroethe. La gaya scienza. Also sprach Zarathustra. Jenseits von Gut und Boese. Genealogie der Moral. Goetzen-Daemmerung. Der Fall Wagner. Warum ich ein Schicksal bin. Kriegserklaerung. Der Hammer redet An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rueckwaerts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben und, zur Erholung, die Goetzen-Daemmerung - Alles Geschenke dieses Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? Und so erzaehle ich mir mein Leben. Warum ich so weise bin. 1. Das Glueck meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhaengniss: ich bin, um es in Raethselform auszudruecken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, decadent zugleich und Anfang - dies, wenn irgend Etwas, erklaert jene Neutralitaet, jene Freiheit von Partei im Verhaeltniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe fuer die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excellence hierfuer, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswuerdig und morbid, wie ein nur zum Voruebergehn bestimmtes Wesen, - eher eine guetige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwaerts gieng, gieng auch das meine abwaerts: im sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalitaet, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer ueber wie ein Schatten in St. Moritz und den naechsten Winter, den sonnenaermsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten" entstand waehrenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene Versuessung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenroethe" hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt, vertraegt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 202577 TOTAL CHARACTERS) >>>