>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E05595 <<< TITLE: DAS LEIDEN EINES KNABEN AUTHOR: CONRAD FERDINAND MEYER EBOOK: E05595 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Das Leiden eines Knaben Conrad Ferdinand Meyer Der Koenig hatte das Zimmer der Frau von Maintenon betreten und, luftbeduerftig und fuer die Witterung unempfindlich wie er war, ohne weiteres in seiner souveraenen Art ein Fenster geoeffnet, durch welches die feuchte Herbstluft so fuehlbar eindrang, dass die zarte Frau sich froestelnd in ihre drei oder vier Roecke schmiegte. Seit einiger Zeit hatte Ludwig der Vierzehnte seine taeglichen Besuche bei dem Weibe seines Alters zu verlaengern begonnen, und er erschien oft schon zu frueher Abendstunde, um zu bleiben, bis seine Spaettafel gedeckt war. Wenn er dann nicht mit seinen Ministern arbeitete, neben seiner diskreten Freundin, die sich aufmerksam und schweigend in ihren Fauteuil begrub; wenn das Wetter Jagd oder Spaziergang verbot; wenn die Konzerte, meist oder immer geistliche Musik, sich zu oft wiederholt hatten, dann war guter Rat teuer, welchergestalt der Monarch vier Glockenstunden lang unterhalten oder zerstreut werden konnte. Die dreiste Muse Molieres, die Zaertlichkeiten und Ohnmachten der Lavalliere, die kuehne Haltung und die originellen Witzworte der Montespan und so manches andere hatte seine Zeit gehabt und war nun gruendlich vorueber, welk wie eine verblasste Tapete. Massvoll und fast genuegsam wie er geworden, arbeitsam wie er immer gewesen, war der Koenig auch bei einer die Schranke und das Halbdunkel liebenden Frau angelangt. Dienstfertig, einschmeichelnd, unentbehrlich, dabei voller Grazie trotz ihrer Jahre, hatte die Enkelin des Agrippa d'Aubigne einen lehrhaften Gouvernantenzug, eine Neigung, die Gewissen mit Autoritaet zu beraten, der sie in ihrem Saint-Cyr unter den Edelfraeulein, die sie dort erzog, behaglich den Lauf liess, die aber vor dem Gebieter zu einem bescheidenen Sichanschmiegen an seine hoehere Weisheit wurde. Dergestalt hatte, wann Ludwig schwieg, auch sie ausgeredet, besonders wenn etwa, wie heute, die junge Enkelfrau des Koenigs, die Savoyardin, das ergoetzlichste Geschoepf von der Welt, das ueberallhin Leben und Gelaechter brachte, mit ihren Kindereien und ihren trippelnden Schmeichelworten aus irgendeinem Grunde wegblieb. Frau von Maintenon, welche unter diesen Umstaenden die Schritte des Koenigs nicht ohne eine leichte Sorge vernommen hatte, beruhigte sich jetzt, da sie dem beschaeftigten und unmerklich belustigten Ausdrucke der ihr gruendlich bekannten koeniglichen Zuege entnahm: Ludwig selbst habe etwas zu erzaehlen, und zwar etwas Ergoetzliches. Dieser hatte das Fenster geschlossen und sich in einen Lehnstuhl niedergelassen. "Madame", sagte er, "heute mittag hat mir Pere Lachaise seinen Nachfolger, den Pere Tellier, gebracht." Pere de Lachaise war der langjaehrige Beichtiger des Koenigs, welchen dieser, trotz der Taubheit und voelligen Gebrechlichkeit des greisen Jesuiten, nicht fahrenlassen wollte und sozusagen bis zur Fadenscheinigkeit aufbrauchte; denn er hatte sich an ihn gewoehnt, und da er--es ist unglaublich zu sagen--aus unbestimmten, aber doch vorhandenen Befuerchtungen seinen Beichtiger in keinem andern Orden glaubte waehlen zu duerfen, zog er diese Ruine eines immerhin ehrenwerten Mannes einem juengern und strebsamen Mitgliede der Gesellschaft Jesu vor. Aber alles hat seine Grenzen. Pere Lachaise wankte sichtlich dem Grabe zu, und Ludwig wollte denn doch nicht an seinem geistlichen Vater zum Moerder werden. "Madame", fuhr der Koenig fort, "mein neuer Beichtiger hat keine Schoenheit und Gestalt: eine Art Wolfsgesicht, und dann schielt er. Er ist eine geradezu abstossende Erscheinung, aber er wird mir als ein gegen sich und andere strenger Mann empfohlen, welchem sich ein Gewissen uebergeben laesst. Das ist doch wohl die Hauptsache." "Je schlechter die Rinne, desto koestlicher das darin fliessende himmlische Wasser", bemerkte die Marquise erbaulich. Sie liebte die Jesuiten nicht, welche dem Ehebunde der Witwe Scarrons mit der Majestaet entgegengearbeitet und kraft ihrer weiten Moral das Sakrament in diesem koeniglichen Falle fuer ueberfluessig erklaert hatten. So tat sie den frommen Vaetern gelegentlich gern etwas zuleide, wenn sie dieselben im stillen krallen konnte. Jetzt schwieg sie, und ihre dunklen mandelfoermigen, sanft schwermuetigen Augen hingen an dem Munde des Gemahls mit einer bescheidenen Aufmerksamkeit. Der Koenig kreuzte die Fuesse, und den Demantblitz einer seiner Schuhschnallen betrachtend, sagte er leichthin: "Dieser Fagon! Er wird unertraeglich! Was er sich nicht alles herausnimmt!" Fagon war der hochbetagte Leibarzt des Koenigs und der Schuetzling der Marquise. Beide lebten sie taeglich in seiner Gesellschaft und hatten sich auf den Fall, dass er vor ihnen stuerbe, Asyle gewaehlt, sie Saint-Cyr, er den botanischen Garten, um sich hier und dort nach dem Tode des Gebieters einzuschliessen und zu begraben. "Fagon ist Euch unendlich anhaenglich", sagte die Marquise. "Gewiss, doch entschieden, er erlaubt sich zu viel", versetzte der Koenig mit einem leichten halb komischen Stirnrunzeln. "Was gab es denn?" Der Koenig erzaehlte und hatte bald zu Ende erzaehlt. Er habe bei der heutigen Audienz seinen neuen Beichtiger gefragt, ob die Tellier mit den Le Tellier, der Familie des Kanzlers, verwandt waeren? Doch der demuetige Pere habe dieses schnell verneint und sich frank als den Sohn eines Bauern in der untern Normandie bekannt. Fagon habe unweit in einer Fensterbruestung gestanden, das Kinn auf sein Bambusrohr gestuetzt. Von dort, hinter dem gebueckten Ruecken des Jesuiten, habe er unter der Stimme, aber vernehmlich genug, hergefluestert: "Du Nichtswuerdiger!" "Ich hob den Finger gegen Fagon", sagte der Koenig, "und drohte ihm." Die Marquise wunderte sich. "Wegen dieser ehrlichen Verneinung hat Fagon den Pater nicht schelten koennen, er muss einen andern Grund gehabt haben", sagte sie verstaendig. "Immerhin, Madame, war es eine Unschicklichkeit, um nicht mehr zu sagen. Der gute le Lachaise, taub wie er endlich doch geworden ist, hoerte es freilich nicht, aber mein Ohr hat es deutlich vernommen, Silbe um Silbe. 'Niedertraechtiger!' blies Fagon dem Pater zu, und der Misshandelte zuckte zusammen." Die Marquise schloss laechelnd aus dieser Variante, dass Fagon einen derbern Ausdruck gebraucht habe. Auch in den Mundwinkeln des Koenigs zuckte es. Er hatte sich von jung an zum Gesetze gemacht, wozu er uebrigens schon von Natur neigte und was er dann bis an sein Lebensende hielt, niemals, auch nicht erzaehlungsweise, ein gemeines oder beschimpfendes, kurz ein unkoenigliches Wort in den Mund zu nehmen. Der hohe Raum war eingedaemmert, und wie der Bediente die traulichen zwei Armleuchter auf den Tisch setzte und sich ruecklings schreitend verzog, siehe, da wurde ein leise eingetretener Lauscher sichtbar, eine wunderliche Erscheinung, eine ehrwuerdige Missgestalt: ein schiefer, verwachsener, seltsam verkruemmter kleiner Greis, die entfleischten Haende unter dem gestreckten Kinn auf ein langes Bambusrohr mit goldenem Knopfe stuetzend, das feine Haupt vorgeneigt, ein weisses Antlitz mit geisterhaften blauen Augen. Es war Fagon. "'Du Lump, du Schuft!' habe ich kurzweg gesagt, Sire, und nur die Wahrheit gesprochen", liess sich jetzt seine schwache, vor Erregung zitternde Stimme vernehmen. Fagon verneigte sich ehrfuerchtig vor dem Koenige, galant gegen die Marquise. "Habe ich einen Geistlichen in Eurer Gegenwart, Sire, dergestalt behandelt, so bin ich entweder der Niedertracht gegenueber ein aufbrausender Juengling geblieben, oder ein wuerdiges Alter berechtigt, die Wahrheit zu sagen. Brachte mich nur das Schauspiel auf, welches der Pater gab, da sich der vierschroetige und hartknochige Toelpel mit seiner Wolfsschnauze vor Euch, Sire, drehte und kruemmte und auf Eure leutselige Frage nach seiner Verwandtschaft in duenkelhafter Selbsterniedrigung nicht Worte genug fand, sein Nichts zu beteuern? 'Was denkt die Majestaet?'"--ahmte Fagon den Pater nach--, "'verwandt mit einem so vornehmen Herrn? Keineswegs? Ich bin der Sohn eines gemeinen Mannes! eines Bauern in der untern Normandie! eines ganz gemeinen Mannes!...' Schon dieses nichtswuerdige Reden von dem eigenen Vater, diese kriechende, heuchlerische, durch und durch unwahre Demut, diese gruendliche Falschheit verdiente vollauf schuftig genannt zu werden. Aber die Frau Marquise hat recht: es war noch etwas anderes, etwas ganz Abscheuliches und Teuflisches, was ich geraecht habe, leider nur mit Worten: eine Missetat, ein Verbrechen, welches der unerwartete Anblick dieses tueckischen Wolfes mir wieder so gegenwaertig vor das Auge stellte, dass die karge Neige meines Blutes zu kochen begann. Denn, Sire, dieser Boesewicht hat einen edeln Knaben gemordet!" "Ich bitte dich, Fagon", sagte der Koenig, "welch ein Maerchen!" "Sagen wir: er hat ihn unter den Boden gebracht", milderte der Leibarzt hoehnisch seine Anklage. "Welchen Knaben denn?" fragte Ludwig in seiner sachlichen Art, die kurze Wege liebte. "Es war der junge Boufflers, der Sohn des Marschalls aus seiner ersten Ehe", antwortete Fagon traurig. "Julian Boufflers? Dieser starb, wenn mir recht ist", erinnerte sich der Koenig, und sein Gedaechtnis taeuschte ihn selten, "17** im Jesuitencollegium an einer Gehirnentzuendung, welche das arme Kind durch Ueberarbeitung sich mochte zugezogen haben, und da Pere Tellier in jenen Jahren dort Studienpraefekt sein konnte, hat er allerdings, sehr figuerlich gesprochen", spottete der Koenig, "den unbegabten, aber im Lernen hartnaeckigen Knaben in das Grab gebracht. Der Knabe hat sich eben uebernommen, wie mir sein Vater, der Marschall, selbst erzaehlt hat." Ludwig zuckte die Achseln. Nichts weiter. Er hatte etwas Interessanteres erwartet. "Den unbegabten Knaben... ", wiederholte der Arzt nachdenklich. "Ja, Fagon", versetzte der Koenig, "auffallend unbegabt, und dabei schuechtern und kleinmuetig, wie kein Maedchen. Es war an einem Marly-Tage, dass der Marschall, welchem ich fuer dieses sein aeltestes Kind die Anwartschaft auf sein Gouvernement gegeben hatte, mir ihn vorstellte. Ich sah, der schmucke und wohlgebildete Juengling, ueber dessen Lippen schon der erste Flaum sprosste, war bewegt und wollte mir herzlich danken, aber er geriet in ein so klaegliches Stottern und peinliches Erroeten, dass ich, um ihn nur zu beruhigen oder wenigstens in Ruhe zu lassen, mit einem 'Es ist gut' geschwinder, als mir um seines Vaters willen lieb war, mich wendete." "Auch mir ist jener Abend erinnerlich", ergaenzte die Marquise. "Die verewigte Mutter des Knaben war meine Freundin, und ich zog diesen nach seiner Niederlage zu mir, wo er sich still und traurig, aber dankbar und liebenswert erwies, ohne, wenigstens aeusserlich, die erlittene Demuetigung allzu tief zu empfinden. Er ermutigte sich sogar zu sprechen, das Alltaegliche, das Gewoehnliche, mit einem <<< END OF SAMPLE... (THE FULL EBOOK HAS 117559 TOTAL CHARACTERS) >>>