>>> YOU ARE VIEWING A 200 LINE SAMPLE OF EBOOK# E00651 <<< TITLE: DAS MAERCHEN VON DEM MYRTENFRAEULEIN AUTHOR: CLEMENS BRENTANO EBOOK: E00651 (O'Briens Book Cellar) LANGUAGE: GERMAN Das Maerchen von dem Myrtenfraeulein Clemens Brentano Im sandigen Lande, wo nicht viel Gruenes waechst, wohnten einige Meilen von der prozellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth residierte, ein Toepfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben ihrem Toepferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und Busch war zu sehen, und es war gar betruebt und langweilig. Taeglich beteten die guten Leute zum Himmel, er moege ihnen doch ein Kind bescheren, damit sie eine Unterhaltung haetten, aber der Himmel erhoerte ihre Wuensche nicht. Der Toepfer verzierte alle seine Gefaesse mit schoenen Engelskoepfen, und die Toepferin traeumte alle Nacht von gruenen Wiesen und anmutigen Gebueschen und Baeumen, bei welchen Kinder spielten; denn wonach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen. Einstens hatte der Toepfer seiner Frau zwei schoene Werke auf ihrem Geburtstag verfertigt, eine wunderschoene Wiege von dem weissesten Ton, ganz mit goldenen Engelskoepfen und Rosen verziert, und ein grosses Gartengefaess von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und fuellte das Gartengefaess mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit in ihrer Schuerze dazu herbeitrug, und so stellte sie die beiden Geschenke neben ihre Schlafstelle, in bestaendiger Hoffnung, der Himmel werde ihr ihre Bitte gewaehren; und so betete sie auch einst abends von ganzer Seele: Herr, ich flehe auf den Knien, Schenke mir ein liebes Kind, Fromm will ich es auferziehen: Ists ein Maegdlein, dass es spinnt Einen klaren reinen Faden Und dabei huebsch singt und betet; Ists ein Sohn durch deine Gnaden, Dass er kluge Dinge redet Und ein Mann wird treu von Worten, Stark von Willen, kuehn von Tat, Der geehrt wird aller Orten, Wie im Kampfe, so im Rat. Herr! bereitet ist die Wiege, Gib, dass mir ein Kind drin liege! Ach, und sollte es nicht sein, Gib mir doch nur eine Wonne, Waers auch nur ein Baeumelein, das ich in der lieben Sonne Koennte ziehen, koennte pflegen, Dass ich mich mit meinem Gatten Einst im selbsterzognen Schatten Unter ihm ins Grab koennt legen. So betete die gute Frau unter Traenen und ging zu Bett. In der Nacht war ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das schoenste Wetter, ein kuehler Wind wehte durch das offene Fenster, und die gute Toepferin lag in einem suessen Traum, als sitze sie unter einem schoenen Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da saeuselte das Laub um sie und sie erwachte, und siehe da! ein frisches junges Myrtenreis lag neben ihr auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten im Winde bewegten Blaettern um ihre Wangen. Da weckte sie mit grossen Freuden ihren Mann, und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knien, dass er ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie koennten gruenen und bluehen sehen. Sie pflanzten das Myrtenreis mit der groessten Sorgfalt in das schoene Gartengefaess, und es war taeglich ihr liebstes Geschaeft, das junge Staemmchen zu begiessen und in der Sonne zu setzen und vor boesem Tau und rauhen Winden zu schuetzen. Der Myrtenreis wuchs zusehends unter ihren Haenden und duftete ihnen Fried und Freud ins Herz. Da kam einstens der Landesherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele Haeuser davon gebaut, dass diese Erde in der Naehe der Stadt selten geworden war. Da er in die Wohnung des Toepfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward er bei dem Anblick des Myrtenbaeumchens so durch dessen Schoenheit hingerissen, dass er alles andere vergass und in lauter Verwunderung ausrief: "O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat fuer mein Herz etwas ungemein Erquickendes, ich moechte immer in der Naehe dieses Baumes leben--nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muss ihn besitzen, und muesste ich ihn mit einem Auge erkaufen." Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den Toepfer und seine Frau, was sie fuer die Myrte verlangten. Diese guten Leute erklaerten auf die bescheidenste Weise, dass sie den Baum nicht verkaufen wollten, und dass er das Liebste sei, was sie auf Erden haetten. "Ach," sagte die Toepferin, "ich koennte nicht leben, wenn ich meine Myrte nicht vor mir saehe; ja sie ist mir so lieb und wert, als waere sie mein Kind, und kein Koenigreich naehme ich fuer diese meine Myrte." Da der Prinz Wetschwuth dies hoerte, ward er sehr traurig und begab sich nach seinem Schlosse zurueck. Seine Sehnsucht nach der Myrte ward so gross, dass er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bekuemmert wurde. Da kamen Abgesandte zu dem Toepfer und seiner Frau, und forderten sie auf, die Myrte dem Prinzen zu ueberlassen, damit er nicht vor Sehnsucht sterben moechte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau: "Wenn er die Myrte nicht hat, so muss er sterben, und wenn wir die Myrte nicht haben, so koennen wir nicht leben; will der Prinz nun die Myrte haben, so muss er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm ueberbringen und ihn anflehen, dass er uns als treue Diener in sein Schloss aufnehme, damit wir die geliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen koennen." Das waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz sollte Mut fassen. Nun stellte der Toepfer das Gefaess mit der Myrte auf eine Tragbahre, ueber welche die Frau ihre schoensten seidenen Tuecher gebreitet hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre Huette verschlossen hatten, den geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen und hatte ein goldenes Giesskaennchen in der Hand, womit er die geliebte Myrte begoss, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier weissgekleidete, mit Rosen geschmueckte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel, unter welchem die Myrte nach dem Schloss getragen wurde. Kinder streuten Blumen, und alles Volk war froh und warf die Muetzen in die Hoehe. Nur neun Fraeulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen, denn sie wuenschten, dass die Myrte verdorren moechte, weil der Prinz, ehe er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber von der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bekuemmert; drum waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, dass sich an diesem Freudentage keine von ihnen erblicken liess. Der Prinz liess die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem Toepfer und seiner Frau eine Wohnung im Schlossgarten, aus deren Fenster sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch wohl zufrieden waren. Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloss, und er entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt hatte, hoerte er ein wunderbares Saeuseln in seinem Baum und erwachte und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum, und ein suesser Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte immerfort; endlich, da es ihm wieder so wunderbar in der Myrte saeuselte, begann er zu singen: Sag, warum dies suesse Rauschen, Meine wunderschoene Myrte! O mein Baum, fuer den ich so gluehe? Da sang eine liebliche leise Stime wider: Dank will ich fuer Freundschaft tauschen Meinem wunderguten Wirte, Meinem Herrn, fuer den ich bluehe! Da war der Prinz ueber die Stimme so entzueckt, dass es nicht auszusprechen ist; aber bald ward seine Freude noch viel groesser, denn er bemerkte, dass sich jemand auf den Schemel zu seinen Fuessen setzte, und da er die Hand darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und fuehrte sie an die Lippen eines Mundes, welcher sprach: "Mein teurer Herr und Prinz! frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur dann und wann in der Stille der Nacht zu deinen Fuessen zu sitzen und dir zu danken fuer die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen, denn ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank fuer deine Zuneigung ist so gewachsen, dass er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und so hat es mir der Himmel vergoennt, in menschlichen Gestalt dir manchmal nahezusein." Der Prinz war entzueckt ueber diese Worte und pries sich unendlich gluecklich durch dies Geschenk der Goetter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und sie sprach so weise und klug, dass er vor Begierde brannte, sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das Myrtenfraeulein aber sagte zu ihm: "Lass mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen", und sie sang: Saeusle, liebe Myrte! Wie still ists in der Welt, Der Mond, der Sternenhirte Auf klarem Himmelsfeld, Treibt schon die Wolkenschafe Zum Born des Lichtes hin, Schlaf, mein Freund, o schlafe, Bis ich wieder bei dir bin. Dazu saeuselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel hin, und die Springbrunnen plaetscherten so leise im Garten, und der Gesang war so sanft, dass der Prinz einschlief, und als er kaum nickte, erhob sich das Myrtenfraeulein leise, leise vom Schemel und begab sich wieder in die Myrte. Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu seinen Fuessen, und er wusste nicht, ob das Myrtenfraeulein wirklich bei ihm gewesen war, oder ob er nur getraeumt habe; aber da er das Baeumchen ganz mit Blueten uebersaet sah, die in der Nacht aufgegangen waren, ward er der Erscheinung immer gewisser. Nie ward die Nacht so sehnsuechtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es daemmerte, es ward Nacht. Die Myrte saeuselte, und das Myrtenfraeulein sass zu seinen Fuessen und erzaehlte ihm so schoene Sachen, dass er nicht genug zuhoeren konnte, und als er sie wieder bat, Licht anzuenden zu duerfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen: Saeusle, liebe Myrte! Und traeum im Sternenschein, Die Turteltaube girrte Auch ihre Brust schon ein. Still ziehn die Wolkenschafe Zum Born des Lichtes hin, Schlaf, mein Freund, o schlafe, Bis ich wieder bei dir bin. <<< END OF SAMPLE... 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